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Im Interview: Die Leipziger Musikerin June Cocó

„Die Charts wären fantastisch“

Die Leipziger Musikerin June Cocó
Die Leipziger Musikerin June Cocó mit ihrem neuen Album Métamorphoses © Jordann Wood

Musik braucht frische Luft und freie Köpfe. Die in Leipzig lebende Ausnahmemusikerin und Songwriterin June Cocó hat ein neues Album für die Welt herausgebracht. Dabei zeigt sie allen Zweiflern wie schön es sein kann, Grenzen zu missachten – musikalische und jene zwischen den Menschen. Ein Album voller Herz und Überraschungen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit der Musikerin. In unserer Märzausgabe gab es bereits eine Rezension. Hier kommt nun das gesamte Interview in voller Länge:

Ahoi: MÉTAMORPHOSES ist richtig gut geworden. Ich freue mich ganz besonders, dass du auch andere Menschen an deinen Stücken arbeiten ließest. Das zeigt die Vielfalt deiner Songs und die Fülle von ihnen auf. Wie kam es zur Idee der Kollaborationen?

Merci lieber Volly! Ich bin wirklich auch sehr glücklich darüber, dass es so rund geworden ist und dass es überhaupt ein Album geworden ist. Das war gar nicht so geplant.

Am Anfang der Idee zu „Métamorphoses“ stand meine Reise nach Paris zum MaMa-Festival, wohin ich 2019 eingeladen wurde, um ein Konzert zu spielen. Es ist das Pendant zum Hamburger Reeperbahn-Festival, nur eben in Frankreich. Weil es ein Traum von mir ist, in Frankreich mit meiner Musik stattzufinden, war das ein wichtiger Moment für mich. Ich habe viele interessante Leute kennengelernt, unter anderem war der Manager von Nina Simone bei meinem Konzert.

Und ich habe das Pariser Elektro Pop Duo „Ravages“ kennengelernt, die wie ich ein eigenes Label haben. Wir waren uns von Anfang an sympathisch, haben Ideen und Musik ausgetauscht und ich habe mich auf Anhieb in deren Song „Métamorphoses“ verliebt.

Als ich den beiden meine elegische Klavier-Gesangs-Version ihres Songs geschickt habe, waren sie begeistert und haben ebenso einen Song von mir in ihrem 80's-French-Pop Stil interpretiert: „Heavy Heart“. Ein Schlüsselmoment, als ich gemerkt habe, wie gut meine Klavier-Ballade in dieser ganz anderen Soundwelt funktioniert – voilà: Die ersten beiden Reworks sind entstanden.

Das hat mich auf die Idee gebracht, das auch mit weiteren Songs meines Albums „Fantasies And Fine Lines“ zu probieren. Weil ich sowieso mit dem Album nicht wie geplant auf Tour gehen konnte (geplant waren u. a. Shows in Polen und Tschechien und zur Kirschblütenzeit in Japan, wo die Album-Veröffentlichung an eine 10-tägige Tour geknüpft gewesen wäre), habe ich gedacht, dass ich als Projekt einige der Songs in die Hand von Musikerkollegen gebe, deren Musik ich sehr schätze. Dabei wollte ich neue, ganz unterschiedliche Soundwelten erschließen.

Ein Rework wollte ich unbedingt mit der wundervollen singenden Harfenistin „Arden“ machen.

Wir hatten live zusammengespielt und wollten damals schon meinen Song „Neptune's Daughter“ gemeinsam auf die Bühne bringen, weil wir beide fanden, dass der Song so gut in ihre Klangwelt passen würde und ich glaube, wir haben Recht behalten: Der Song ist so flirrend und verzaubernd mit den Klängen der Harfe und ihrer sirenenartigen Stimme.

 

Ahoi: Gleich Song zwei mit der Stimme von Jake Nicks ist ganz großes Kino, als ob ihr die internationalen Charts stürmen wolltet. War es schwer, die Lieder loszulassen? Wie fühlte sich das an?

Ja, oder? Ich liebe seine Stimme! Ich kenne den britischen Songwriter Jake Nicks durch ein Co-Writing und als ich seine Version meines Songs zum ersten Mal gehört habe, kullerten ein paar Freudentränen. Der Song liegt mir besonders am Herzen. Ich finde die Botschaft so wichtig, gerade jetzt. „Ready For Love“. Sanft sein und offen vor sich selbst und anderen in dieser Zeit des Wandels mit vielen offenen Fragen.

Und es war superspannend für mich, den Song von einer männlichen Stimme gesungen zu hören.

Obwohl „Ready For Love“ bei mir auf Klavier basiert, habe ich doch immer gedacht, dass der Song mit Gitarre und folkiger interpretiert werden könnte. Und er hat genau das wundervoll umgesetzt. Als hätte er meine Gedanken gelesen.

Das mit den Charts wäre fantastisch! Ich finde auch, dass der Song das Potential hat. Jetzt bekommt er eine neue Chance. Natürlich würde ich mich freuen, wenn der Song viele Leute erreicht und hoffentlich berührt.

 

Ahoi: Manche Stücke sind verträumter geworden, manche elektrischer, manche Tanzboden-affiner. Wieviel Freiheit hatten Micronaut & Co beim Umsetzen der Songs?

Im Prinzip waren alle komplett frei bei ihren Interpretationen und gleichzeitig waren alle auch sehr offen für Feedback. Ich habe natürlich gezielt ausgewählt, wem ich welchen Song schicke, weil ich mir den Klang-Kosmos vorstellen konnte. Je nachdem, ob die Künstler dann Fragen hatten, oder mir Sachen aufgefallen sind, habe ich Input gegeben, bei manchen war ich beim Mix mit dabei. Aber vor allem die Elektro-Versionen der Songs, wie die vom Berliner DJ Phonique und von Micronaut, waren sehr frei. Das waren für mich die „Wundertüten“ des Albums. Und tatsächlich, die Songs funktionieren auch auf dem Dancefloor. „Hope“ von Phonique & „Circles“ von Micronaut haben mich total umgehauen, als ich die Tracks so gehört habe!


Ahoi: Wie bist du bei der Auswahl der Kollaborateure vorgegangen?

Nachdem die ersten drei Reworks so toll geworden sind, bin ich gezielt an die einzelnen Leute herangetreten. Die meisten kannte ich bereits vom Co-Writing, Live-Kontext oder gemeinsamen musikalischen Kosmos, da war der Weg nicht weit. Was für mich dahingehend eine superschöne neue Entdeckung war, war der Songwriter Max Ashner aus Österreich. Der wurde sozusagen an einem Lagerfeuer in den Bergen in Österreich entdeckt, wo mir das erste Mal jemand seine Musik vorgestellt hat. Ich konnte mir so gut vorstellen, wie er „Letter“ singt! Fantastisch! Seitdem schreiben wir auch an weiteren Songs gemeinsam. Auch mit weiteren Künstlern des Albums gibt es Ideen für eine Fortsetzung, worüber ich gerade jetzt sehr glücklich bin.

Das Artwork von „Métamorphoses“ ist übrigens auch eine „Verwandlung“ des Album Covers von dem Unterwasser-Bild von „Fantasies And Fine Lines“. Ich hatte mich umgeschaut und die Künstlerin Dorothea Pluta entdeckt. Ihre Interpretation des Motivs im Pop-Art Stil ist der Knaller!


Ahoi: Nun ist live derzeit schwierig, trotzdem ist eine Tour geplant. Wie sollen die Gigs ablaufen? Die großen Hallen sind ja derzeit nicht bespielbar.

Den Umständen entsprechend hatte ich letztes Jahr viel Glück und konnte tatsächlich, an wundervollen Orten mit Klavier oder Flügel und bestuhlt mit Sicherheitsabstand, einige Konzerte spielen. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass diese Art von Konzert funktionieren kann, falls es Lockerungen gibt.

Die letzte Tour war auch mit Einhaltung der Hygienemaßnahmen toll!

Die Veranstalter und das Publikum waren dabei alle sehr vorsichtig und haben die geringen Besucherzahlen, die zugelassen waren, in Kauf genommen.

Die großen Hallen beherbergen dann nicht mal ein Viertel von dem, was das eigentliche Fassungsvermögen wäre. Eine Variante war, zwei Konzerte an einem Tag zu geben.

Es wäre ein Traum, wenn die Konzerte wieder stattfinden könnten! Es fehlt mir so sehr! Es steckt ja so sehr viel Aufwand und Energie in dem Planen und Arrangieren einer zusammenhängenden, schönen Tour. Ich habe das Glück, einen tollen Booker zu haben und bin seit 2020 bei der Agentur Selective Artists.

Wir haben aber bereits einiges verschoben und werden, wie es aussieht, auch die ersten Termine vom Frühjahr schieben müssen. The Good News: Es gibt bereits eine Tour im Herbst/Winter 2021.

Für den Sommer hoffe ich, dass man wieder ein paar Open-Air-Konzerte spielen kann.

Ich selbst habe für den 24.7.2021 mit meinem Team ein Festival geplant: Im Geyserhaus in Leipzig. Das „Lovers And Dreamers“ Festival.

Wir hoffen das Beste, aber natürlich geht die Sicherheit vor! Und wenn das mit den Konzerten so weitergeht, habe ich für all meine Emotionen ein wunderbares Ventil:

Ich schreibe weitere Songs und nehme sie auf. Ich habe da schon wieder einiges in Petto.


Ahoi: Danke, liebe June, für Deine Antworten.

 

 

Verschiedene Künstler, die auf „Métamorphoses“ vertreten sind, haben sich ebenfalls für uns zur Zusammenarbeit geäußert:

 

„Letter“ by Max Ashner

„Ich habe mir den Song angehört, die Gitarre in die Hand genommen und dazu gespielt – ab da kam alles ganz natürlich. Ich musste nie überlegen: In welche Richtung soll es gehen? Für mich hat sich „Letter“ von Anfang an authentisch angefühlt. Es war schön, Junes Song so kennenzulernen und weiterdenken, weitergestalten zu können. Ich war ein bisschen geflasht als ich gehört habe, in was für einen krassen Mix an Stilistiken und KünstlerInnen sich meine Produktion auf „Métamorphoses“ einreiht. Dabei finde ich, gerade darin zeigt sich gewissermaßen die Essenz von Junes Songwriting auf ,Fantasies & Fine Lines‘ – das schlagende Herz der Songs, das durch alle Metamorphosen hindurch erkennbar bleibt.“

 

„Hope“ by Phonique

„Für mich waren die Remix-Arbeiten an den June-Cocó-Songs etwas sehr Besonderes, weil man als Remixer selten so viele Freiräume hat. Gerade bei ,Hope‘ könnte man fast meinen, das Original ist das Acapella zu meiner Produktion, da ich June's Gesang im Grunde fast genauso wie im Original übernommen habe. Als ich ,Hope‘ das erste Mal gehört hatte, kam mir gleich die Idee zu dem Remix. Ich spürte sofort diesen modernen Nu:Disco Groove, Synths a la Metro Area, und ich sah mich irgendwo auf dem Dancefloor einer Party, hands in the air die ,Hope‘-Lyrics mitsingend. Fast immer, wenn man an einem Remix arbeitet, gibt einem das Original irgendwie die Richtung vor. Dieses Gefühl hatte ich bei ,Hope‘ überhaupt nicht. Wenn sich 100 Remixer an diesen Track setzen würden, würde nicht einer den Weg gehen, den ich für ,Hope‘ gefunden habe. Das würde ich von keinem meiner bisherigen Remixe behaupten.“

 

„Heavy“ Heart by Ravages 

“When we listened to June's album, ,Heavy Heart’ was an immediate stand-out: the piano driven melody and the Katebush-ish vocals. It was definitely for us. So when June and her team asked for a cover, the choice was easy. We tried to take the song on a journey through our influences: French electronic music, 00s electronica (Morr Music...), and it was also very fun to add a few French words here and there.

Being asked to cover this song was a real honor, and we felt even more lucky and proud when June told us she would cover one of our songs too. June sent us this beautiful video of her playing our song on a grand piano. We were so moved by the new arrangement. The song was so different and new. But after all, isn't it logical for a song named ,Métamorphoses’ to undergo such a great transformation?”

 

„Neptune’s Daughter“ by Arden

„Das Stück ,Neptune’s Daughter, von June Cocó liegt vor mir wie eine perlende, in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche. Ich werde darauf sanft von Akkord zu Akkord getragen – fast schwerelos. Dieses Gefühl wollte ich musikalisch in meinem Rework umsetzen. Wie auch bei meinen eigenen Stücken habe ich hier alle Klänge mit meinem Instrument, der Harfe, gestaltet. So beginnt das Stück mit einem flirrenden Harfenarpeggio, der Bass steigt ein, eine kleine Kontra-Melodie und im Chor steigen Gesänge der Sirenen aus den Tiefen empor. Ein wunderbar klangmalerisches Stück!“

 

„Ready For Love“ by Jake Nicks

„,Ready for Love’ has that perfect ,bittersweet’ vibe to it that all the best pop songs have. There’s a real power in June’s arrangement when everything falls away and you’re left with just her voice and piano. I wanted to explore that intimacy by stripping my version right back to a very simple set of acoustic and ambient sounds to create an atmospheric, minimal take on the original.”

JUNE COCÓ

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