Graphic Novel ist glücklicherweise mittlerweile ein erfolgreiches und literarisch wie grafisch hochanspruchsvolles Metier geworden. Der Leipziger Autor Bos Koch tummelt sich mit Frauke Berger auch hier. Gerade die großartigen, bei SPLITTER erschienenen, Bände „Das Schiff der verlorenen Kinder“ zeigen, was diese Kunstform kann: berühren und nachdenklich machen, unterhalten und staunen lassen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm:
Ahoi: Guten Tag, Boris Koch. Der SPLITTER Verlag sorgte dafür, dass ich die ersten drei Teile des Vierteilers „Das Schiff der verlorenen Kinder“ lesen und anschauen durfte. Du bist der Texter dieser tollen Graphic Novel, die ja auch schon den Krefelder Preis für Fantastische Literatur 2023 einheimste. Kannst Du unseren Leserscharen bitte etwas zum Inhalt erzählen, ohne zu viel zu verraten?
Boris Koch: Zunächst danke für das Kompliment, das freut mich sehr. Was den Inhalt anbelangt, so geht es – der Titel legt es nahe – um Kinder, ohne dass es sich um einen Kindercomic handelt. Alles beginnt mit den Brüdern Leo und Felix, die ein schwieriges Elternhaus haben. Der Vater ist handgreiflich, die Mutter desinteressiert. Als die Jungs nach dem üblichen Ärger auf ihr Zimmer geschickt werden, wird dieses plötzlich aus der Wirklichkeit gerissen, und Zimmer und Kinder verschlägt es auf ein gewaltiges Schiff, auf dem schon zahlreiche andere Räume gestrandet sind. Es ist Nacht, ein unnatürlich großer Mond steht am Himmel und die Flure und anderen Räume scheinen verlassen. Bevor die Brüder begreifen, wo sie gelandet sind, stoßen sie auf einen leibhaftigen Werwolf … Und später dann auf die Mädchen Chrissy (ebenfalls neu angekommen) und Asra, die sich schon länger hier befindet. Um aber nicht zu viel zu verraten, sage ich jetzt nichts zu den anderen Monstern, zum geheimen Labyrinth, zu Felix` besonderer Zwille, zu den Weltenschlüsseln, dem verschwundenen Kapitän, usw.
Ahoi: Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit SPLITTER und mit Frauke Berger?
Boris Koch: Das war ein glücklicher Zufall auf der Leipziger Buchmesse 2018. Ich kenne und schätze Dirk Schulz und Horst Gotta von Splitter jetzt seit über 20 Jahren, wir hatten mehrmals über einen gemeinsamen Comic nachgedacht, sie haben ab 2008 die ersten drei Cover und alle Illustrationen zu meiner „Drachenflüsterer“-Reihe gemacht, und ich mochte das Splitter-Programm und das Verlagskonzept von Anfang an. Also habe ich sie regelmäßig an ihrem Stand besucht. Und damals, 2018, war Frauke am Stand, die gerade den ersten Band ihres Zweiteilers „Grün“ bei Splitter veröffentlicht hatte. Dirk hat uns einander vorgestellt, ich fand ihre Zeichnungen großartig, und Frauke wollte beim nächsten Comic mit einem Texter zusammenarbeiten … Also schickte ich ihr nach der Messe Romane und Kurzgeschichten von mir zu, und sie gefielen ihr so weit, dass wir uns nach Abschluss ihres Zweiteilers an einen ersten gemeinsamen Comic setzten.
Ahoi: Man kann die Geschichte auch als eine Geschichte von Fluchten aus unaushaltbaren Realitäten lesen. Ein großes Thema für so viele vom Jetzt überforderte junge Menschen. Wie kann Realität für Kinder so gestaltet werden, dass sie guttut? Du bist ja auch Vater …
Boris Koch: Da Kinder so unterschiedlich sind wie alle Menschen, und da jeder von uns unterschiedliche Möglichkeiten hat, um etwas zu gestalten, gibt es darauf wohl keine allgemeingültige Antwort. Vermutlich geht es aber genau darum: Nicht eine schlaue Antwort für alle parat zu haben, sondern sich Zeit zu nehmen und herauszufinden, was die jeweiligen jungen Menschen brauchen. Ist die Situation an der Schule besonders belastend, sind es globale Krisen, ist es das Selbstbild? Das alles erfordert unterschiedliche Gespräche und Reaktionen. Ganz allgemein ist Zuhören und sich Zeitnehmen sicherlich nie verkehrt. Aber auch, ihnen etwas zeigen, sie teilhaben lassen an der eigenen Begeisterung für dieses oder jenes, ohne zu versuchen, ihnen eigene Vorlieben und Ansichten überzustülpen. Vermutlich ist es in vielen Fällen auch wichtig, ein wenig das Tempo und die Überfütterung durch Medien herauszunehmen, nicht von Kurzvideo zu Kurzvideo hetzen, von Post zu Nachricht zu Text zu Emoji-Antwort. Ein wenig Zeit zu haben, Gefühle, Gedanken, Eindrücke verarbeiten zu können, nicht von ihnen überrollt zu werden. Manchmal ist es auch gut, etwas mit den eigenen Händen selbst zu tun, und für mich hat immer Sport funktioniert, um den Kopf freizubekommen, um mich abzureagieren.
Ahoi: Teil 4 ist noch nicht veröffentlicht. Wann soll er kommen und wird er ein richtiger Abschluss der Geschichte? Das Schiff als Metapher verschwindet ja nicht einfach so …
Boris Koch: Geplant ist eine Veröffentlichung zur Leipziger Buchmesse 2025. Und es wird ein richtiger Abschluss, ja. Auch wenn er so etwas wie ein neuer Anfang sein könnte, also zum gewissen Teil ein offenes Ende ist, ist es für mich der Abschluss der Geschichte – und in genau dieser Form auch ein passender, wie ich finde.
Ahoi: Ich stelle mir den Entstehungsprozess einer solchen Serie recht kompliziert vor, gerade wenn zwei so starke Persönlichkeiten wie Frauke und Du aufeinandertreffen. Wie habt Ihr gemeinsam gearbeitet? Gab‘s Reibereien? Wenn ja, wie habt ihr diese umschifft?
Boris Koch: Ach, die Stärke einer Persönlichkeit zeigt sich ja nicht unbedingt an einer mangelnden Fähigkeit zur Zusammenarbeit … Wir haben diese ja bewusst gesucht, und nun geht es darum, das Beste für das Werk aus uns beiden herauszuholen, dem jeweils anderen den Raum zu lassen, die jeweiligen Stärken zu entfalten. Frauke ist mir zeichnerisch und im Aufbau von Seiten so überlegen, dass es von mir verrückt wäre, mich da einzumischen, nur weil ich mir ein bestimmtes Bild einbilde. Ideen liefern, natürlich, aber sie entscheidet, ob das hilfreich ist oder nicht. So wie ich bei der Geschichte entscheide, aber natürlich zuvor die Grundidee mit Frauke abspreche und auf Anmerkungen von ihr höre, wenn es irgendwo knirscht. Unsere erste Zusammenarbeit war das in sich abgeschlossene Album „Die Schöne und die Biester“, ein sehr absurdes Kunstmärchen, das auf einer fertigen Erzählung von mir basierte. Da sich dieses Vorgehen bewährt hat, haben wir die Arbeit am Vierteiler daran orientiert: Ich schreibe kein drehbuchartiges Skript, sondern eine Art Prosatext, den Frauke zu Comicseiten umformt. Das tu ich jedoch im Bewusstsein, dass es ein Comic wird, sprich: Ich schreibe Prosa, fange die Atmosphäre ein, lasse die Personen etwas tun, versuche Orte zu wechseln, da diese zu Bildern werden, verzichte aber auf zu viel Innenschau und Gedanken. Bei den Dialogen achte ich darauf, dass sie passend kurz für Sprechblasen sind, nicht ausufern und alle wesentlichen Informationen transportieren. Frauke legt anschließend ein skizzenhaftes Storyboard an, an dem ich die Dialoge noch einmal bewerten und notfalls verändern kann. Und mein Input zum Aufbau der Seiten geben kann. Danach entstehen sauberere Vorzeichnungen und schließlich die farbige Endfassung. Reibereien gab es tatsächlich bislang keine. Jeder von uns gibt dem anderen alle Freiheiten auf seinem Gebiet und hört dem anderen zu, und ich freu mich jedes Mal darauf, zu sehen, was Frauke aus meiner Geschichte macht.
Ahoi: Du hast mit Klaus Scherwinski Geschichten entwickelt, die u.a. in „Horrorschocker“ und dem amerikanischen Leitmedium „Heavy-Metal-Magazin“ erschienen. Das ist ja ganz, ganz erste Reihe bei der Avand-Garde. Wie hast Du Klaus Scherwinski (Transformers, GI Joe, Warhammer, Kopeck etc.) kennengelernt. Wie ist er?
Boris Koch: Klaus ist großartig. Ich habe ihn vor weit über zwanzig Jahren kennengelernt, als wir beide für das Phantastik-Magazin „Mephisto“ gearbeitet und uns jedes Jahr auf der SPIEL-Messe in Essen getroffen haben. Tagelang gemeinsam an einem Stand, das verbindet … Auch darüber hinaus haben wir uns immer mal wieder getroffen, trotz unterschiedlicher Wohnorte, und sind längst befreundet. Wir freuen uns immer, wenn wir zusammenarbeiten können. Da er inzwischen vor allem Storyboards für Computerspiele macht und ich überwiegend Bücher schreibe (oder Comics mit Frauke), ist das leider selten der Fall.
Ahoi: Du lebst als äußerst erfolgreicher Autor in einer Autorin&Autor-Ehe plus Nachwuchs in Leipzig. Ich dachte immer, um wirklich entspannt Literatur zu machen, sollte man wie Michael Ende oder Janosh Platz zwischen den Mitmenschen und sich selbst lassen. Ist Leipzig gut für Literatur?
Boris Koch: Leipzig ist gut für mich, Kathleen, Nachwuchs und wir fühlen uns hier richtig wohl, und damit ist es zumindest für meine (und Kathleens …) Literatur gut. Es ist eine lebendige Stadt, in der man immer irgendwelche Eindrücke sammelt und unterschiedliche Beobachtungen machen kann. Auch genieße ich den Austausch mit Kollegen, zum einen auf einem vergnüglichen unregelmäßigen Stammtisch zu (überwiegend) phantastischer Literatur, zum anderen bei einem Zusammenschluss Leipziger Kinder- und Jugendbuchautoren, der inzwischen mit kjl-leipzig.de auch eine eigene Domain besitzt. Dabei geht es in erster Linie um Veranstaltungen, die im Bereich von Kinder- und Jugendliteratur ja oft auch an Leseförderung gekoppelt sind. Und die wird immer wichtiger. Sich dafür als Einzelkämpfer einzusetzen ist viel schwieriger als in einer Gruppe engagierter Kollegen. Außerdem habe ich in Leipzig Freunde außerhalb der Literaturblase, und das ist auch für die Literatur wichtig und inspirierend: Der Austausch außerhalb der eigenen Blase, Perspektiven und Ansichten, die nicht die eigenen sind. Aber das ist natürlich auch ganz unabhängig von der Literatur wichtig.
Ahoi: Danke, lieber Boris, für Deine wundervollen Arbeiten und Danke für Deine Zeit.
Boris Koch: Danke für Deine freundlichen Worte und Dein Interesse.


