Mit Dance-Hits wie „Das Boot“ und „Club Bizarre” prägte der DJ und Produzent Alex Christensen den Sound der 90er und den Aufstieg elektronischer Musik in Deutschland. 2026 ist er mit Orchester auf Tour und kombiniert ewige Hits mit neuen orchestralen Arrangements. Paula Goos traf ihn für Ahoi Leipzig zum Interview. Darin ging es um Nostalgie und Neuanfänge, die neue Wertigkeit von Musik und Hits auf TikTok.
Hey Alex. Was ist das Dümmste, das du in letzter Zeit gemacht hast?
Alex Christensen: Neulich habe ich beim Tanken vergessen zu bezahlen, weil ich am Telefonieren war. Da habe ich natürlich eine Anzeige gekriegt. Das fand ich ziemlich dämlich von mir.
Meinst du, es ist deswegen verboten, an der Tankstelle zu telefonieren? Weil man dann vergisst, zu bezahlen, gar nicht aus Sicherheitsgründen?
Alex Christensen: Genau (lacht), die haben Angst, dass sie ihr Geld nicht bekommen.
Wenn du eine Zeitreise machen könntest, wo würdest du gerne hinreisen?
Alex Christensen: Ich würde mich gerne mal nach 1991 zurück beamen – genau kurz nachdem „Das Boot” in den Charts auf Platz 1 gegangen ist. Und dann alles nochmal ganz anders machen.
Was genau würdest du da anders machen?
Alex Christensen: Ich würde alles anders machen, weil ich es langweilig finde, genau das Gleiche zu machen. Ich würde ja gerne sehen, was passiert, wenn ich als zweite Single irgendwas anderes gemacht hätte oder wenn ich gesagt hätte, ich produziere für niemand anderen, sondern mache nur meine eigenen Sachen. Unzufrieden mit dem, was ich getan habe, bin ich nicht. Ich finde es einfach spannend, Dinge neu zu probieren.
Diesen Spruch: „Ich würde in meinem Leben alles nochmal genauso machen”, finde ich total beschissen. Wie langweilig ist das denn?
Heutzutage werden die Produzenten hinter der Musik immer sichtbarer. Insbesondere im Rap gibt es eigene Producer-Tapes; sie haben teilweise so große Reichweite wie die Rapper selbst. Früher waren das ja eher Leute, die sich im Hintergrund gehalten haben, die eben nicht gesehen werden wollten. Wie stehst du dazu?
Alex Christensen: Ich denke, heutzutage ist das ein rein finanzielles Interesse. Du kannst als Produzent natürlich von den paar Spotify-Lizenzen und ein bisschen Copyright, gerade bei Hip-Hop, nicht leben. Da musst du was Eigenes machen, um irgendwann vielleicht mal live aufzutreten oder als DJ unterwegs zu sein. Als Produzent in den 1990ern und 2000ern konntest du davon sehr gut leben und musstest dir über solche Sachen gar keine Gedanken machen.
Und wo siehst du dich? Stehst du gerne auf großen Bühnen und sehnst du dich nach dem Rampenlicht, oder bist du eher ein zurückhaltender Typ?
Alex Christensen: Sowohl als auch. Meine letzte erfolgreiche Single war 2007 mit „Du hast den schönsten Arsch der Welt”. Danach habe ich mich dazu entschieden, ein paar Jahre lang nichts zu machen. Das Unsichtbar sein habe ich sehr genossen; einfach einkaufen gehen zu können und keiner klopft dir auf die Schulter, will ein Autogramm oder fragt nach einem Bild. Nichtsdestotrotz bringt es natürlich wahnsinnig Spaß, den süßen Wein des Auftrittes zu genießen, gefeiert zu werden oder zusammen mit Menschen zu feiern und zu sehen, wie viel Freude die Musik, die du machst, den Leuten bringt. Das sind unheimlich schöne Momente, die ich gerne teile und genieße. Aber ich habe das Glück gehabt, mir auch aussuchen zu können, wann ich mich zurückziehen möchte. Jetzt kommt das große Comeback mit meinem Orchester.
Denn du gehst wieder auf Tour, gemeinsam mit dem „Berlin Orchestra”...
Alex Christensen: Ich bin so dankbar, dass das so gut funktioniert! Das Orchester habe ich selbst gegründet und mir den Namen einfach ausgedacht. Das gab es vorher gar nicht und leitet sich davon ab, woher die meisten Musiker kommen.
Was hat sich noch für dich verändert im Musikmachen von den 90ern zu heute? Und warum schätzt du die 90er so sehr?
Alex Christensen: Der Zugang und die Verfügbarkeit der Musik sind natürlich viel einfacher geworden. Es ist einerseits schön, dass man alles sofort bekommt, man nicht irgendwo nach einer Veröffentlichung „jagen” muss, CDs ausverkauft sind und so weiter. Andererseits ist Musik heute wie Luft geworden. Sie ist immer da, überall, total selbstverständlich. Aber wenn es keine Luft und keine Musik mehr gibt, dann haben wir ein ziemlich ödes Leben, oder wir würden gar nicht überleben. In den 90ern und 2000ern musste man noch nach Musik jagen und Neues entdecken. Oder man hatte die CD nicht dabei und konnte dann nicht hören, was man wollte.
Musik hatte eine andere Wertigkeit. Nicht besser, aber anders.
Viele Leute haben heute verlernt, einen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln und hören nur noch das, was ihnen vorgesetzt wird.
Alex Christensen: Ja, das stimmt. Ein Algorithmus macht vieles bequemer, aber uns nicht unbedingt schlauer. Genauso wie ein Navigationssystem. Es ist eine tolle Erfindung, aber wenn wir alle zu blöd geworden sind, selbst den Weg zum Supermarkt zu finden, ist auch keinem geholfen.
Wie bist du auf die Idee gekommen, die Musik der 90er mit einem Orchester nochmal aufleben zu lassen?
Alex Christensen: Schon als ich 1991 das Boot produziert habe, wollte ich den Song eigentlich mit einem Streichquartett aufnehmen. Das war aber viel zu teuer, daher ist es dann nur die Version mit Synthies gewesen. Seitdem wollte ich immer unbedingt noch eine Version mit richtigen Streichern machen. Anfang der 2000er habe ich dann viele Orchester-Alben produziert und mit denen gesprochen, ob sie mit mir nochmal „Das Boot” aufnehmen. Ein Titel war dann aber ein bisschen wenig, das hätte sich nicht gelohnt. Ich hatte ja noch andere Songs auf Lager: United, Love Religion, Club Bizarre. Dann habe ich noch Songs dazu genommen, die mich extrem geprägt haben, wie „Rythm is a Dancer”. Da fiel mir auf, dass ich damit schon ein ganzes Album füllen kann.
Wie funktioniert das dann mit den Rechten an der Musik?
Alex Christensen: Ich habe das Glück, dass ich an vielen Songs mitgewirkt habe, da ist das dann kein Problem. Bei allen anderen klopfe ich ganz freundlich bei den Produzenten und Interpreten an und renne dann sogar meistens offene Türen ein. Die freuen sich ja, wenn ihre Musik wertgeschätzt wird, und das ist einfach eine Hommage an die Künstler dieser Zeit.
„Club Bizarre” ist einer deiner größten Hits. Auch auf TikTok erlebte der Song im letzten Jahr nochmal einen riesigen Hype. Was ist die Geschichte hinter diesem Song?
Das ist ein Ultrasong!
Alex Christensen: Der kam 1995 als zweite Single auf unserem Album „LOVE RELIGION” raus und da hat direkt was gebrodelt. Der DJ Westbam kam zu mir und sagte, „Das ist der erste coole Song, den du gemacht hast! “. Wir haben dann viel erwartet, aber in den Charts war der Song nicht mal in der Top 10. Er hat dann lange ein Schattendasein gefristet und ist erst durch TikTok so riesig geworden. Letztes Jahr hatten wir 3 Millionen Spotify-Plays, jetzt sind wir bei über 60 Millionen. Da hat so eine Explosion stattgefunden. Das freut mich sehr und heißt für mich, dass wir da was richtig gemacht haben.
Da hast du eine ganz neue Zielgruppe freigeschaltet. Meinst du, die würden dann aber auch zu deiner Show mit dem Berlin Orchestra kommen? Für wen sind eure Konzerte?
Alex Christensen: Wir machen hier Familienmusik! Das ist eine Party für alle Altersgruppen. Es gibt oft Berührungsangst: bei Orchester denken viele, das ist ganz förmlich, aber wir sind ein Party-Orchester. Es wird gefeiert und getanzt, das ist ein Bällebad der guten Gefühle.
Wir freuen uns schon sehr darauf, euch gemeinsam auf der Bühne zu erleben. Vielen Dank Alex!
Alex Christensen: Alles Gute, vielen Dank und noch einen schönen Tag.


