Ende März feiert sich Leipzig wieder als Mittelpunkt der literarischen Welt und hebt Menschen auf Podeste. Das hat seinen Charme, erdrückt aber im Regelfall in der Aufmerksamkeitssuche Poetinnen und Poeten, die entweder noch am Anfang schreiben oder nicht mitmachen wollen bei der Industrialisierung der Lyrik. Shevek Walden machte sich deshalb in den unendlichen Weiten des Internets auf die Suche und wurde fündig. Er traf auf berührende Literatur und eine junge Autorin, die unter dem Namen steja.schreibt veröffentlicht. Hier gibt es ein Gespräch mit ihr:
Ahoi: Guten Tag, liebe Stefanie Janßen. Du firmierst literarisch unter steja.schreibt auf Instagram und teilst dort Deine Poesie. Mit Deinem Angebot erreichst Du mittlerweile über 1.000 Follower und es werden täglich mehr. Ist das der neue Weg, Literatur zu präsentieren? Reicht das digitalsoziale Netzwerk?
Stefanie: Seid lieb gegrüßt, ich freue mich sehr auf den Austausch.
Ganz offen gesagt: Ich habe nicht den Hauch einer Idee, ob dieser Weg dem Zeitgeist entspricht. Letztlich hängt es wohl auch davon ab, ob ich kurze Sprüche in den Raum werfe oder einem längeren Werk Raum zum Atmen gebe. Mit Instagram habe ich einen ersten Anker geworfen. Ein Schritt, der erst möglich wurde, als meine Entschlusskraft stark genug war, aus der Deckung zu treten und meine Worte mit meinen Mitmenschen zu teilen. Bis dahin hatte ich mich kaum mit alternativen Möglichkeiten auseinandergesetzt und lerne seither stetig dazu. Besonders die technischen Feinheiten bringen meine Haare regelmäßig wie von Zauberhand zum Sträuben. (schmunzelt)
Oft genug habe ich versucht, einen fünf- bis achtminütigen Text in ein dreiminütiges Reel zu pressen – und was soll ich sagen außer 'puuh' ...
Doch jenseits der digitalen Rastlosigkeit war es für mich ein solider Startpunkt. Wohl wissend, dass die Poesie oftmals mehr Zeit braucht, um vorgetragen und um verstanden zu werden.
Ahoi: Deine Lyrik reimt sich, ist nicht ausufernder Wortberg-Bau, sondern fokussierte Arbeit hin zum Kern der Gedanken. Wieso schreibst Du wie Du schreibst? Es gibt ja mannigfaltige Möglichkeiten, sich literarisch auszudrücken.
Stefanie: Ich schreibe aus Emotionen und Erfahrungen heraus – was ich empfange, nicht, was ich wähle. Selten suche ich es mir aus, noch kann ich es zeitlich planen. Oft überrasche ich mich selbst. Schon als Kind hatte ich einen Hang zur Reimform, auch wenn ich nicht genau sagen kann, warum. Es fühlt sich für mich einfach wunderschön an wenn Worte sich zusammen tänzeln, während nur auserwählte Worte einen Gegenspieler finden. Zugegeben: Manchmal verliere ich selbst den Takt, doch dann schmunzel ich und denke - jetzt ist es ausgetanzt.
Doch nicht alles aus meiner Hand folgt dem Rhythmus eines Reims. Unzählige Fragen und kurze Sprüche habe ich in mein Heft gekritzelt, die sich schlicht an unverhohlener Einfachheit erfreuen. Und selbst vor ausufernden Gedanken bin ich nicht gefeit. Alles darf sein.
Ahoi: Du hast auch eine Bindung an Leipzig. Welche denn?
Stefanie: Leipzig war für meinen damaligen Partner und mich zunächst ein räumlicher Neustart. Gemeinsam brachten wir es auf mehr als 30 Umzüge und die Sterne standen daher auf 'Ankommen'. Inzwischen lebt auch meine Stiefschwester mit ihrem Mann hier, und in den letzten Monaten haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, Leipzig noch einmal neu zu entdecken. Diese Zeit war ein Geschenk, welches ich in vollen Zügen genossen habe.
Ahoi: Welche Themen bearbeitest du in Deiner Poesie? Und wer ist Dein Zielpublikum?
Stefanie: Die meisten meiner Zeilen entspringen Emotionen, die auf vergangenen Erfahrungen ruhen. In jüngster Zeit haben mich besonders Themen wie Trennung, Neubeginn, Orientierungslosigkeit, Verlustängste, Traumata, Selbstverwirklichung, Mut und Menschlichkeit bewegt. Von den großen Fragen des Seins bis zu den kurzen Antworten des Ist – ich schließe nichts aus. Was von mir gefühlt oder gedacht wird, darf geschrieben werden. Wobei, es gab auch schon Gefühle an die kein Wort herangereicht hat, ich bin versucht dies noch mehr im Bild einzufangen.
Ausschluss ist ausgeschlossen. Mein Gedankenzelt steht offen und auch Du bist eingeladen einzutreten. Ich nehme an, jene, die bleiben, sind jene, die mit meinen Worten in Resonanz gehen, die fühlen oder die vielleicht auch etwas mitnehmen können. Zumindest wünsche ich es mir.
Ahoi: Poesie ist, wenn sie gutgemacht wird, ein Anker in einer schlingernden Welt, ein Ideenangebot. An wem orientierst Du Dich literarisch? Interagierst Du mit anderen Schreibenden? Wenn ja wie und wenn Nein warum nicht?
Stefanie: Ich orientiere mich weitestgehend an meinem Inneren. Es hat mich über 38 Jahre gebraucht, zu verstehen, wie das geht und was es bedeutet und ich bin nicht gewillt, diese Verbindung nochmal abreißen zu lassen. Abseits davon habe ich unzählige Gedichtbände gelesen, weil ich mich so herrlich darin verlieren kann. Auch folge ich selbst anderen Poeten, weniger zur Orientierung als mehr aus Interesse an der unendlichen Vielfalt.
Ich stehe auch mit anderen Schreiberlingen in Kontakt. Das hat Instagram als Bonus mitgebracht, eine wunderbare Community, die mich mit offenen Armen empfangen hat. Die mich unterstützt, indem sie meine Beiträge teilt und die mir Mut zuspricht, oft wenn ich es am wenigsten erwarte aber am meisten brauche. Dafür bin ich unendlich dankbar und versuche täglich, etwas zurückzugeben.
Ahoi: Und wie geht es jetzt weiter bei Dir? Literaturzeitschriften? Lesungen? Bücher? Poesie-Kunstanschläge? Was hast du vor?
Stefanie: Man gebe mir eine Bühne… Wie oft ich diesen Satz schon gedacht habe und nun schafft er es in die Ahoi. Volle Kraft voraus. (schmunzelt) Ich probiere mich weiter aus.
In meinen kühnsten Visionen werde ich noch in diesem Jahr einen Gedichtband veröffentlichen. Ich werde beginnen, ein Sachbuch zu schreiben, von dem ich schon lange träume. Und ich werde auf einer Bühne stehen. Wenn nicht heute, dann morgen. Ich werde meine Gedichte vortragen, musikalisch begleitet von jemandem, den ich heute vielleicht noch nicht einmal kenne. Wir werden Applaus ernten, wir werden es genießen, wir werden Menschen zusammenbringen, daraus wird Neues keimen.
Zunächst trete ich noch ein wenig mehr in die räumliche Stille und damit tiefer in die Natur. Ich habe entdeckt, wie kraftvoll das ist, wovor ich einst Angst hatte. Und ich möchte darauf vertrauen, dass ich nicht alles selbst anstoßen muss. Manches wird sich fügen und manches mich finden, so wie meine Worte womöglich Dich finden.
Ahoi: Danke, liebe Stefanie, dann wünschen wir Dir und uns, dass Du weiterschreibst und die Welt mit Poesie schöner machst. Sie hat es nötig.
Stefanie: Von Herzen Danke für diesen schönen Austausch. Die Einladung in mein Gedankenzelt bleibt bestehen. Alles Liebe und auf bald.


