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Neue Bahn-Direktverbindungen

Von Leipzig mit dem Zug nach Breslau und ins Reich von Rübezahl

© Carsten Heinke

Seit 14. Dezember hat die Bahn neue Direktverbindungen zwischen Deutschland und Polen, mit denen man in 3,5 Stunden Breslau erreicht. Wie wäre es also beispielsweise mit einem Trip in die schöne Oderstadt und zum letzten Goldbergwerk in Złoty Stok? Reiseexperte Carsten Heinke hat sich für AHOI in den Zug gesetzt:

Als die ersten Sonnenstrahlen mit dem Gold an Wrocławs Türmen und Fassaden spielen, ist die schöne Oderstadt längst auf den Beinen. Ihre Morgentoilette übernehmen Sprühwagen und Kehrkommandos. Selbst Bolesław, vor 1.000 Jahren erster König Polens, wird gründlich abgeschrubbt. Samt Ross und Rüstung frisch geduscht wacht er als Reiter-Monument am Stadtgraben. Wie weiter nördlich auch der Hauptfluss, wo die Ausflugsschiffe noch vor Anker liegen, wird die Oder von Grünflächen und Parks gesäumt.
 

Einheimische joggen auf der Promenade oder sind schon auf dem Weg zur Arbeit. Viele halten Brötchen- oder Kuchentüten in der Hand. Bäckerläden und Konditoreien gibt es hier wie Sand am Meer. Aus ihren Türen strömen süße Düfte. In den Schaufenstern stapeln sich goldgelbe Pączki (sprich: Pontschki). Meist werden diese den Berlinern sehr ähnlichen frittierten Hefekugeln erst beim Kauf gefüllt. Mein Favorit ist Rosenkonfitüre.

An jeder Ecke grünt etwas, oft bis in die Winterzeit hinein. Schließlich zählt Breslau zu den wärmsten Städten Polens. Und überall schimmert es golden, oft auch auf dem Boden: Vor mir steht eine Zwergin, die einen Mini-Zwerg fotografiert. Beide sind aus Bronze, doch wurden sie so oft berührt, dass sie teils golden glänzen.
„Troszka und Adoratorek“, macht mich Monika Trznadel mit dem Knirpsenpaar bekannt und stellt sich selbst vor. Sie ist meine Gästeführerin. Die schimmernden Gesellen zu berühren bringe Glück, ist sich die 50-Jährige sicher. Doch jene Gabe trauen offenbar viele allen anderen Breslauer Zwergen zu. 

 

Leuchtend blanke Streichelspuren trägt jeder dieser Winzlinge, die das ganze Stadtgebiet bevölkern. Inzwischen sind es über tausend. Zurück geht die Invasion der Gnome auf die Zeit des Kommunismus. „Der Zwerg war ein Symbol des stillen Widerstands“, erklärt Monika Trznadel. Zu den berühmtesten gehören Tekla und Martynka. Sie erinnern an die armen Büßerinnen, die laut Sage nachts die „Hexenbrücke“ fegen mussten. Der schmale Steg verbindet beide Türme der Maria-Magdalenen-Kirche.

Auf seiner Brüstung stehen die beiden Zwerginnen und begrüßen Monika und mich. Nach 247 Treppenstufen blicken wir aus 45 Meter Höhe auf die Innenstadt. Aus ihrem Dächermeer recken sich markante Backsteintürme: der vom Rathaus mit den goldgeschmückten Uhren und der hoch aufragende von St. Elisabeth. Rund um ihre Kirchturmhaube glitzern 17 große Goldkugeln.

St. Maria Magdalena glänzt vor allem mit ihren Kapellen und Altären. Der einst prächtigste steht jetzt im Nationalmuseum. Geschaffen wurde er im 15. Jahrhundert von den 100 Goldschmieden der Stadt, in der damals schon 10.000 Menschen lebten. Ihr Name wandelte sich von „Wrotizlawa“ zum polnischen „Wrocław“ und deutschen „Breslau“.

Erst Slawensiedlung, später Marktort, wurde die Stadt im Mittelalter polnischer Bischofssitz und Herzogsresidenz. All die Kirchen, Klöster und Schlösser brauchten Macht- und Prunksymbole. Viele Kunsthandwerker kamen in die Stadt, um Gold- und Silberschätze zu erschaffen. Die Rohstoffe dazu fand man ganz in der Nähe. Ich folge ihrer Spur nach Süden.

Funkelbrocken auf der Spur

Wrocław liegt hinter mir. Das hügelige Land, das nun beginnt, sind Ausläufer der niederschlesischen Sudeten. Ihr höchster Gipfel ist mit über 1.600 Metern die Schneekoppe im Riesengebirge. Dort haust der launische Berggeist Rübezahl, der Äpfel und selbst Laub in pures Gold verwandeln kann. Manchmal, so die Sage, trifft man ihn auch in benachbarten Regionen.

Dass es dort einen Silberfluss, die Orte Goldbach, Silberberg und Goldberg sowie das Goldgebirge gibt, ist kein Zufall. Die Reichtümer von Rübezahl schlummern bis heute tief im Inneren der Berge. Schon vor Jahrtausenden entdeckte man die Erze, baute sie ab und gewann kostbares Metall. Wichtigster Ort dafür war Reichenstein, heute Złoty Stok, an der Grenze zwischen Tschechien und Polen.

Mich empfängt die kleine Stadt im Goldgebirge still und freundlich. Frischer Duft von Laub- und Nadelbäumen weht von den umliegenden Hängen. Im Gegenlicht schimmert sie wie der Schatz, der hier 700 Jahre lang geborgen wurde. Ihr deutscher Name erinnert daran ebenso wie herrschaftliche Anwesen ehemaliger Bergbauunternehmer.

Eines davon ist das weinrot-gelbe Haus der Fugger, die im 15. und 16. Jahrhundert den Goldhandel in Schlesien kontrollierten. Den mächtigen Kaufleuten gehörten viele der bisweilen fast 200 Zechen Reichensteins. Von hier stammte auch jenes Gold, das die Augsburger Könige von Spanien für Kolumbus’ Reisen erhielten. Elżbieta Szumska ist sich sicher: „Amerika wurde mit Gold aus Schlesien erobert.“

Die blonde Dame begrüßt mich herzlich lächelnd. Ela, wie sie alle nennen, ist 64 und Eigentümerin des Bergwerks, das 1961 als letztes hier geschlossen wurde. „Für ein paar Jahre nach der Wende nutzte man es für Besichtigungen. Meine Arbeit war es, den Besuchern diesen Schauplatz von Kulturgeschichte zu erklären. Doch da es nicht rentabel war, gab man es wieder auf“, berichtet sie.

Die damals arbeitslose Gästeführerin und Mutter dreier Kinder erkannte ihre Chance und setzte alle Hebel in Bewegung, um genügend Mittel aufzutreiben. „Ich nahm Kredite auf, verpfändete mein Haus, kaufte 2004 die Goldmine von Złoty Stok und richtete sie als Museum her“, erzählt die stolze Unternehmerin.

Mit 100 Angestellten ist sie mittlerweile größte Arbeitgeberin der Region. Außer mehreren Besucherstollen mit Grubenbahn-Rundfahrt und Bootsausflug auf einem unterirdischen Kanal gibt es diverse Ausstellungen, eine Freilichtschau rekonstruierter Bergbautechnik, zwei Restaurants, eine Pension und ein Hotel.

In dunkler Tiefe hoch hinaus

„Gertruds Stollen“ steht in Frakturschrift über dem halbrunden Mundloch. Schon von draußen ist der schmale Tunnelgang zu erkennen. Wir treten ein und laufen in den Berg. Das Gestein um uns herum ist überwiegend grau. Doch der Schein der schummerigen Grubenlampen färbt es goldgelb und rot.

Jetzt im Winter hängt das Eis in langen, dicken Silberzapfen von der Decke. In beleuchteten Vitrinen zeigen alte Fotos Bergleute bei ihrer harten Arbeit. Wie tief die Zeche früher in den Boden reichte, veranschaulicht ein imposantes, 21-stöckiges Modell.

Nicht ganz so weit hinab, aber immerhin einige Treppen in die Tiefe geht es im Schwarzen Stollen. Elżbieta Szumska, die unablässig vor Ideen sprudelt, lässt mich dort über die höchste unterirdische Kaskade Polens staunen.

Wenn ihre ehrgeizigen Pläne funktionieren, soll daraus bald der längste Untertage-Wasserfall entstehen: „Wir nehmen von den unteren Etagen einfach jeweils ein Stück weg. Dann stürzt das Wasser 18 Meter in den Abgrund – so tief wie nirgendwo sonst in Europa.“ Nachdem sie erst in diesem Jahr den dritten Stollen für Besucher geöffnet hat, brütet Ela bereits an den nächsten Vorhaben. Sie ist überzeugt: „Es muss immer wieder etwas Neues geben.“ Das klingt nach einer goldenen Devise.

(Die Recherche zu diesem Beitrag wurde unterstützt vom polnischen Fremdenverkehrsamt und der Niederschlesischen Tourismusorganisation.)

Tipps & Infos 

Anreise per Zug: Die modernen Eurocity-Züge der PKP IC starten täglich vom Leipziger Hauptbahnhof um 10:55 und 14:55 Uhr. In nur 3,5 Stunden erreichen Sie Wrocław (Breslau). Rückfahrt: 9:33 oder 13:30 Uhr – Ankunft in Leipzig 13:04 bzw. 17:04 Uhr. Tickets gibt es bis zu sechs Monate im Voraus, z. B. Super Sparpreis Europa ab 18,99 €. Die Sitzplatzreservierung ist inklusive.

Übernachten: In Wrocławs Altstadt besticht das „Art Hotel“ mit stilvoll-gemütlichen Zimmern (EZ/DZ ab 75/83 €, arthotel.pl). In Złoty Stok empfängt das historische Försterhaus „Złoty Jar“ Gäste direkt am Goldbergwerk (DZ ab 59 €, zlotyjar.pl). Etwas luxuriöser: Schloss Kamnitz im Glatzer Tal (DZ ab 96 €, palackamieniec.pl).

Essen & Trinken: Wrocław bietet 2025 laut Guide Michelin 22 Top-Restaurants (wroclawguide.com). Besonders empfehlenswert: die moderne polnische Küche im „Młoda Polska“ (z. B. Schlesische Klöße mit brauner Butter und jungem Kohl 15 €, mlodapolskabistro.pl) oder traditionelle Gerichte im „Wrocławska“ (wrocławska.com.pl). Für Kaffee, Kuchen und vegetarische Leckereien sorgt das gemütliche Blumenladen-Café „Kwiaty Kawy i Słodki Chłopak“ (pl. Tadeusza Kościuszki 12, tgl. ab 9 Uhr, sonntags Brunch).

Ausflug ins Goldgebirge: Die ehemalige Goldmine „Kopalnia Złota“ in Złoty Stok liegt 1,5 Stunden von Wrocław entfernt (tgl. 9:15–18 Uhr, Eintritt 14 €, kopalniazlota.pl).

Weihnachtsmarkt in Wrocław: Auf dem Rynek, Plac Solny und der Świdnicka-Straße bis 7. Januar 2026, täglich 10–21 Uhr (außer 24./25.12. & 1.1.), Silvester bis 17 Uhr, Gastronomie bis 2 Uhr.

Sehenswert: Büßerinnenbrücke (4,20 €), Nationalmuseum mit Goldschmiede-Altar (4,70 €, tgl. außer Mo., mnwr.pl), Zoo (19 €, zoo-wroclaw.pl), Schlittschuhlaufen in Tarczyński Arena oder Spiska-Eisbahn (tarczynskiarenawroclaw.plspartan-wroc.pl).

Vom Wasser aus: Schiffstour auf der Oder (1 Std., 14 €, wroclawcitytour.pl), Japanischer Garten (7 €, zzm.wroc.pl).

Geld & Währung: Polnischer Złoty („der Goldene“), ca. 4 Złoty = 1 €, Kreditkartenzahlung fast überall möglich.

Weitere Infos: polen.traveldot.org.plvisitwroclaw.eu

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