Das südafrikanische Rave/Rap Duo DIE ANTWOORD fasziniert und polarisiert gleichermaßen. Seit ihren Anfängen haben Ninja und Yolandi Visser nicht nur die Grenzen des Hip-Hop und der elektronischen Musik erweitert, sondern auch zahlreiche Kontroversen ausgelöst. Doch abseits von diskussionswürdigen Aussagen und den Vorwürfen gegen sie, steht eine Band, die durch Provokation, einen unverwechselbaren Stil und Mut zum Anderssein ein neues Genre geprägt hat. Durch ihre Einzigartigkeit und eine neue kreative Vision, die in den 2010ern für viel Aufsehen sorgte, haben die beiden sich zu weltbekannten Kunstfiguren stilisiert. Im Dezember bringen sie ihr ZEF Winter Wonderland auch nach Leipzig. Ahoi Redakteurin Paula Goos hat mit ihnen über Dummheit, Fehler, Viralität und das Atzentum gesprochen.
Ihr seid gerade auf eurer „Reanimated” Tour, heute Abend ist euer Konzert in Mexiko City. Wie erholt ihr euch zwischendurch und wie kommt ihr zur Ruhe?
Ninja: Yoga und Meditation helfen uns immer wieder dabei, den Schalter umzulegen. Wir versuchen auch so gesund wie möglich zu leben und dehnen uns viel.
Also gibt es bei euch keine Aftershowparty?
Ninja: Nur am Ende der Tour oder zu besonderen Anlässen. Sonst ist das Risiko zu hoch, dass etwas Dummes passiert.
Was ist das Dümmste, was ihr in letzter Zeit gemacht habt?
Ninja: Vor kurzem habe ich einen Stagedive* gemacht, ohne die richtige Vorbereitung. Das Publikum hat sich verändert. Man muss das jetzt immer ankündigen, wenn man sowas macht. Die Leute sind in den letzten Jahren sehr schlaff geworden, die stehen da alle mit ihrem Handy in der Hand und haben gar keine Körperspannung mehr. Als wir angefangen haben, war das Handy noch nicht so mit den Menschen verwachsen. Aus diesem Fehler habe ich auf jeden Fall gelernt… Jetzt muss ich damit eh erstmal Pause machen, bis mein Rücken wieder in Ordnung ist.
Yolandi: Ich mache nicht so viele Dummheiten. Das ist Ninjas Aufgabe.
Habt ihr vom deutschen Moshpit*-Problem gehört? Junge Menschen machen mittlerweile zu jedem Song einen Moshpit, sie machen den Kreis schon auf, bevor sie überhaupt wissen, welcher Song als nächstes gespielt wird.
Ninja: Das feier ich. Ich finde Moshpits sehr entspannend, da kann man komplett abschalten.
Hard is good, soft is weird
Für wen ist DIE ANTWOORD? Wer ist euer Publikum?
Ninja: DIE ANTWOORD ist für Outsider, Misfits und Weirdos*. Wir machen Weirdo-Pop-Musik. Für jede & jeden! In unserem Publikum sind alle willkommen und auch viele Generationen vertreten. Besonders in Europa sind mir super viele Jugendliche aufgefallen. Sie haben uns wahrscheinlich über ihre Eltern kennengelernt. Die sind dann meistens auch noch da, aber halten sich im Hintergrund. Dazu natürlich unsere Hardcore-Fans. Es ist echt ein guter Mix.
Yolandi: Unsere Musik ist für alle da! Mit jedem Song versuchen wir uns im Studio selbst herauszufordern. Was können wir machen, was es so noch nicht gab? Wir versuchen, damit eine neue Dimension zu eröffnen. Am Anfang fühlen wir das natürlich nur selbst und hoffen dann, dass sich dieses Feeling auch auf unsere Hörer überträgt.
Fühlt ihr euch selbst auch oft als Außenseiter? Ist das etwas Gutes?
Yolandi: Wir müssen eigentlich immer versuchen, etwas weniger weird zu sein. Weil wir von Natur aus schon anders sind. Das finde ich gut. So kommt unsere Musik auch bei anderen Misfits an. Irgendwie fühlen wir uns doch alle mal deplatziert im Leben. Genau diesen Teil der Menschen sprechen wir an. Auch wenn wir für manche nur ein Guilty Pleasure* sind.
Ninja: Das ist wirklich ein witziges Wort, weil es in beide Richtungen gehen kann. Vor allem in der Musik kann „weird” das größte Kompliment sein oder bedeuten, dass wir einen Song nochmal überarbeiten müssen.
Wenn ihr in der Zeit reisen könntet, wohin würde es gehen?
Yolandi: Ich würde in die Zukunft reisen! In 100 Jahren, was geht da so ab? Wer ist Präsident:in? Er, Sie oder Es?
Ninja: Kurz bevor DIE ANTWOORD durch die Decke gegangen ist, so einen Tag vorher. Das würde ich gerne nochmal erleben. Da wussten wir gar nicht, was alles auf uns zukommt.
Das Musikvideo zu “Enter the Ninja” hat auf YouTube fast 100 Mio. Aufrufe. Damit habt ihr 2009 DIE ANTWOORD weltweit bekannt gemacht und eure künstlerische Vision etabliert. Spätestens nach “I Fink U Freeky und “Baby´s On Fire” war dann der Durchbruch geschafft. Welche Rolle hat Viralität in eurer Karriere gespielt?
Ninja: Das war wie eine Explosion. Wirklich Next-Level. Deswegen würde ich auch so gerne nochmal dahin zurück. Uns wurde gesagt, wir würden genauso schnell wieder verschwinden, wie wir aufgetaucht sind. Aber hier sind wir immer noch - ha! Wir arbeiten jetzt seit 3 Jahren an unserem neuen Album. Das soll Anfang 2025 herauskommen. Im Prozess sind wir immer im Wettbewerb mit uns selbst und den Anfängen unserer Karriere. Damals hatten wir einen besonderen Antrieb, aus der Angst heraus, irrelevant zu sein. Da war so ein Hunger nach Anerkennung. Wir wollten es allen zeigen!
Yolandi: Wenn eine Band auf einmal so viel Aufmerksamkeit bekommt, sind da natürlich auch negative Stimmen dabei. Wir haben in England sogar einen Preis für die schlechteste Band des Jahres bekommen. In Südafrika nannte man uns eine „nationale Peinlichkeit”. Aber das Ding ist, was die Medien über uns denken, ist etwas anderes, als wie die Leute uns wirklich finden. Unsere Konzerte waren dann trotzdem ausverkauft, vielleicht auch gerade deswegen.
Viralität hat heute längst nicht mehr dieselbe Bedeutung wie damals. Jeden Tag gehen Trends, Videos und Songs viral – sind dann aber auch schnell wieder irrelevant. Merkt ihr das auch in eurer Arbeit?
Ninja: Als Instagram neu war, war ich süchtig! Ich habe richtig gemerkt, wie mein Songwriting schlechter geworden ist. Es hat mir meine ganze kreative Energie geraubt. Man braucht wirklich viel Aufmerksamkeit, um gute Kunst zu machen. Die sollte man nicht im Internet verschwenden. Wenn du dir auf Social Media dauerhaft anguckst, was andere Menschen machen und dich damit vergleichst, dich sogar beeinflussen lässt, dann verlierst du deine Einzigartigkeit. Jeder kopiert da Jeden. Wir versuchen, uns davon zu lösen. Wir mögen eh lieber lange Formate. Ein ganzes Album, statt nur 30 Sekunden Snippets. Unsere Musikvideos sind eigentlich Kurzfilme. Das passt mit dem, was aktuell viral geht, nicht zusammen. Wir wollen, dass ihr darin versinken könnt. Wir mögen es, unsere Zuschauer zu entführen. Aus der Matrix zurück in das echte Leben.
You can become a crack addict and I was an Instagram-addict, it’s so lame!
Yolandi: Trotzdem hatte es einen großen Einfluss auf unsere Karriere. 2010 war Viralität noch etwas Besonderes. Sowas wie unsere Videos, hat es vorher noch nicht gegeben, deswegen sind die Leute da so drauf abgegangen. Jetzt sind alle übersättigt und haben eh alles schonmal gesehen. Es gibt so viel, da ist es schwierig, noch hervorzustechen. Alle streiten sich nur noch um Likes, Follower und Aufmerksamkeit. Du musst dir wirklich Mühe geben, da noch aufzufallen.
Was ist euer Lebensmotto?
Ninja: Get better!
Yolandi: I don't get mad, I get evil!
Ninja: Was Yolandi sagt, ist viel besser! Kann ich meins nochmal ändern?
Girls generally do things nicer than guys!
Könnt ihr mir die Bedeutung von eurer Selbstbezeichnung „ZEF” erklären?
Yolandi: In Südafrika, wo wir herkommen, beschreibt „ZEF” Personen aus der Hood, die ihren ganz eigenen Style haben. Dazu gehören zum Beispiel getunte Autos und goldene Zähne, genauso wie Vokuhila und Trainingsanzüge tragen. Sie wissen, wo die guten Partys sind und welche Musik angesagt ist. Viele Menschen in Südafrika sind sehr konservativ, sie benutzen es als Schimpfwort.
In Deutschland sind das „Atzen”. Davon werden sicherlich auch einige auf eurem Konzert in Leipzig am 4.12. im Haus Auensee sein. Was können die Leipzig-Atzen von eurem Konzert erwarten?
Yolandi: Wir haben noch nie in Leipzig gespielt, das ist unser erstes Mal. Wird bestimmt mega cool! Wir haben nur Gutes von der Stadt gehört und freuen uns auf eine hohe Atzen-Dichte. Wir bringen viel Energie und natürlich Spaß mit! Kommt vorbei und genießt eine Auszeit von der Außenwelt. Es wird bestimmt Moshpits geben und vielleicht ist Ninja dann ja auch wieder bereit für einen Stagedive.
Ninja: Wir verausgaben uns echt jedes Mal. Unsere Konzerte sind wie eine Attacke oder ein Showkampf. Nein, noch besser: es ist wie einen nassen Finger in eine Steckdose zu stecken!


