Lest also Gedichte! Lasst eigene Gedanken und Ideen zu. Und lasst Euch vor allem nicht von den „erkalteten Seelen der Unvernunft“ das Wasser aus den Händen schlagen.
Eileen Mägel hat nun ihr erstes kleines Büchlein mit Texten gefüllt, die herausreißen können aus der Überflutung mit Desaster-Porn und Multikrisengeschrei. Ein Lichtblick.
Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihr:
Guten Tag, Eileen Mägel. Wir kennen uns noch aus Deiner Leipziger Phase, als Du Deine Stimme einem privaten sächsischen Radio gabst. Am 26. Mai 2025 warst Du wieder in Leipzig zu Gast, beim legendären „… durstigen Pegasus“. Das impliziert: Es gibt Literatur von Dir. Und ja: Es gibt sie! Dein erstes Buch „In die Binsen gehen“ ist in der Welt. Warum aber Lyrik?
Eileen Mägel: Ich weiß, es heißt, Gedichte will keiner und Gedichte liest keiner. Aber das stimmt nicht. Wir gedenken 2025 dem 50. Todestag von Mascha Kaléko. Ihre herrlichen Gedichte sind wieder in aller Munde. Die von Erich Kästner immer und sowieso. Und ich könnte noch viele Beispiele aufzählen. Für mich ist Lyrik in ihrer Verknappung genau die richtige literarische Form in dieser schnellen Zeit. Sie eignet sich wunderbar dazu, Bilder entstehen zu lassen, so als wäre jeder Gedanke gerade noch schnell zu Ende gedacht worden. Leider finde ich, dass Lyrik in der jüngeren Vergangenheit oft darunter litt, dass sie sehr verkopft gedacht und gemacht wird. Wir sollten wieder mehr mit dem Herzen schreiben. Das habe ich versucht.
Das Buch ist bei „Thelem“ erschienen. Was ist das für ein Verlag und wie kam es zur Zusammenarbeit?
Eileen Mägel: Es ist ein kleiner feiner Universitätsverlag mit Sitz in Dresden und München. Ich hatte mich bei dem Verlag mit meinem Manuskript beworben, wie man das halt so macht. Der Verlag hat eine Lyrikreihe „Fortfolgendes“, gerade für junge Lyrik. Da fiel ich nicht gerade drunter, so ganz jung bin ich ja nicht mehr. Aber sie haben gesagt, sie wollen mein Buch trotzdem machen. Für mich war das ein Hauptgewinn. Es ist ja nicht gerade so, dass Verlage nach Autorinnen oder Autoren suchen müssen.
Welche Themen sind die, die Du in Deiner Literatur be- und verarbeitest? Und warum gerade diese?
Eileen Mägel: Allem voran die Liebe. Schmerz, Verlust, Begehren … natürlich. Das sind die Themen, die uns alle am meisten bewegen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Es sind Gedichte, die mein Leben oder mein ErLeben geschrieben hat. Manchmal wünscht man sich, darüber mit jemandem sprechen zu können. Dann schreibe ich.
Der Titel Deines Buches bedeutet übersetzt ins Heutige „verloren gehen, entzweigehen, misslingen“. Nun ist unsere Sprache – gerade im Bereich der Redewendungen – eine äußerst vielfältige. Viel davon geht jedoch auch verloren im Dauerfeuerwerk der Algorithmen. Mir scheint gerade die Lyrik als letzte Bastion gegen die Einfalt der Sprache immer wichtiger zu werden, die Lyrik als Angebot, nicht als Verpflichtung … inwieweit ist Widerstand gegen die Verflachung überhaupt noch möglich?
Eileen Mägel: Oh ja, das unterschreibe ich sofort. Lyrik als Bastion gegen den Verlust einer ungeheuren sprachlichen Vielfalt. Der Schönheit des Wortes. Das gilt aber für die Literatur in Gänze. Meine Gedichte bedienen sich oft bei Redewendungen. Interpretieren sie neu. Wenden sie überraschend oder deuten sie um. Ich möchte aber auch widersprechen. Verknappung muss nicht Verflachung bedeuten. Verknappung kann auch ein Stilmittel sein. Das Schreiben in social Media-Formaten dient einem anderen Zweck, es ist eine andere Art der Kommunikation. Nicht literarisch. Beides hat seine Berechtigung. Ich würde mich freuen, wenn ich mit meiner Literatur dazu beitragen könnte, die Schönheit unserer Sprache sichtbar zu machen, vielleicht ist dies Widerstand.
In Dresden und im deutschlandweiten etablierten Politikbetrieb kennt man Dich als Moderatorin. Jetzt bist Du auf dem Weg, auch als Poetin wahrgenommen zu werden … lauert hier eine neue Karriere? Wo möchtest Du hin?
Eileen Mägel: Frau kann ja das eine tun, ohne das andere zu lassen. Autorin zu sein ist ein neues Betätigungsfeld, auf dem ich mich - als studierte Literaturwissenschaftlerin - schon immer ausprobieren wollte. Ich habe aktuell ein neues Buchprojekt. In diesem lasse ich, in der Tradition von Maxi Wander, 19 Frauen zu Wort kommen, die im Osten sozialisiert wurden, dort ihre Jugend verbracht haben. Es soll 2027 erscheinen. Die Gespräche machen mir riesigen Spaß. Und irgendwann hoffentlich nicht nur mir. Das ist es, wo ich hinwill: Lesenden Freude machen. Ob das eine Karriere wird, müssen andere entscheiden.
Das Buch erschien ja schon vor einigen Monden. Wie ist denn die Resonanz so? Gab es Überraschungen oder verläuft alles nach Plan?
Eileen Mägel: Die Resonanz ist normal gut. Ich versuche viel zu Lesen, im Mai in Leipzig, im Juni in Dresden, im August auf Hiddensee. Um mein Büchlein bekannt zu machen. Das ist nicht einfach, denn das Angebot auf dem Literaturmarkt ist groß.
Dann wünschen wir Dir Erfolg und Freude im Literaturbetrieb, liebe Eileen. Und immer eine Weisheit mehr als die, die in den Binsen liegt.
Eileen Mägel: Vielen Dank! Und vielen Dank für das Gespräch.


