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KONZEPTWERK NEUE ÖKONOMIE

Ideen für eine Umgestaltung der Wirtschaft

Das Konzeptwerk Neue Ökonomie ist eine Leipziger Initiative, die sich für eine sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft engagiert, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Wie diese Transformation aussehen kann und welche Rolle Städte wie Leipzig dabei spielen, erklärt Mitgründerin Nina Treu im Interview.

Portrait: Nina Treu
Nina Treu © Martin Neuhoh

Die Finanzkrise im Jahr 2009 war für viele Menschen eine Zäsur: Der Kapitalismus, so die Erkenntnis, produziert immer neue Krisen und ist deshalb nicht zukunftsfähig. Deshalb sprossen nach der Krise viele Bewegungen aus dem Boden, die Ideen zu alternativen Wirtschaftssystemen erarbeiteten. Eine davon war das Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig. Ein Kollektiv, das sich um Nina Treu und ihren Freundeskreis gegründet hat. Seit zehn Jahren leistet das Konzeptwerk Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu Kapitalismus-Alternativen.

Das Konzeptwerk versteht sich als Teil einer Bewegung, die sich für eine neue Wirtschaftsweise stark macht. Was ist aus Ihrer Sicht das Problem mit unserem aktuellen System?

Nina Treu: Der Kapitalismus ist auf Profit und Wachstum ausgerichtet, er funktioniert nur auf diese Weise. Das heißt, er muss Profit kreieren und ist dabei nicht auf das Wohl der Menschen ausgerichtet und er braucht Wachstum, um zu funktionieren. Und dieses Wachs- tum funktioniert über Ressourcenver- brauch. Da wir aber auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen leben, funktioniert das nicht auf Dauer.

Als Gegenentwurf zum Kapitalis- mus wird oft die Postwachstums- ökonomie angeführt. Auch Ihr Konzeptwerk macht sich für Degrowth stark. Können Sie erklären, was das bedeutet?

Treu: Postwachstum oder Degrowth sagt, dass wir ein System brauchen, das wirtschaftet, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und dabei innerhalb der planetaren Grenzen bleibt. Wir brauchen ein System, das jenseits des Wachstums, des Kapitalismus und jedes Akkumulationszwanges liegt. Im Vergleich zum Grünen Kapitalismus, der aktuell viel diskutiert wird, ist der Grundgedanke der Degrowth-Idee, dass wir das ganze Wirtschaftssystem anders denken müssen, inklusive der Eigentumsfrage, der demokratischen Frage und der sozialen Frage. Es reicht nämlich nicht aus, das aktuelle System einfach grün anzustreichen.

Warum nicht?

Treu: Die Idee des grünen Wirtschafts- wachstums ist, dass wir unseren Ressour- cenverbrauch vom Wirtschaftswachstum abkoppeln können. Es gibt dazu zwei Konzepte: die absolute und die relati- ve Entkopplung. Absolute Entkopplung heißt, dass die Wirtschaft bei sinkenden Emissionen wächst. Relative Entkopplung beschreibt, dass die Emissionen zwar steigen, aber deutlich langsamer als im klassischen Kapitalismus. Absolute Entkopplung hat aber noch nie funkti- oniert. Und relative Entkopplung reicht nicht aus, um den Klimawandel, auf den wir aktuell zusteuern, zu bremsen.

Was würde eine sozial-ökologische Transformation zum Beispiel für die Menschen in Leipzig bedeuten? Wie würde sich das auf deren Alltag auswirken?

Treu: In meiner Vorstellung würde das Leben dadurch deutlich entspannter, weil Menschen weniger Angst hätten, ihren Job und damit ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Sie hätten nicht mehr so viel Angst, dass Leute gegen sie sind und ständig im Wettbewerb stehen, sondern wir würden mehr kooperieren. Wir würden uns stärker dort bewegen, wo wir tatsächlich wohnen. Wir würden dort auch Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegeheime und Gemeinschaftsorte haben, um näher zusammenzukommen. Das Leben wäre gemeinschaftlicher, man würde Verantwortung mehr aufteilen. Wir würden mehr Menschen kennen, die nicht zu unserer Blase gehören – zum Beispiel ältere Menschen, aus anderen Klassen oder Migranten.

Damit es zu einer echten Transformation kommt, müssen unter schiedliche Akteure an einem Strang ziehen. Dazu zählen auch die Städte selbst. Welche Rolle spielen Städte beziehungsweise spielt Stadtpolitik im Transformationsprozess?

Treu: Oft gibt es in der Stadt eine sehr verwaltungslastige Sicht der Dinge. Des- halb wird nur das gemacht, wofür man als Stadt sicher zuständig ist. Es wird ziemlich wenig ausprobiert, ob man mal Teil eines Pilotprojektes werden oder viel enger mit anderen Städten zusammenarbeiten könnte. Leipzig ist da gar nicht so schlecht – Burkhard Jung war ja bei- spielsweise auch Vorsitzender des Städtebundes und Leipzig ist auch Teil der klimaneutralen Kommunen. Ich denke, dass Städte in Zukunft noch viel wichtiger werden auf dem Weg der Transformation, weil dieser keine einheitliche Lösung braucht. Es ist unrealistisch, dass die Bundesregierung in Deutschland festlegt, wie diese Transformation gelingt, sondern es braucht individuelle Lösungen.

Wo steht Leipzig aktuell in diesem Prozess?

 

Treu: Ich glaube, es gibt hier zwei Ebenen: einmal die reine Fakten-Ebene. Hier geht es um die Frage, wie Städte es schaffen, Emissionen aktiv zu verringern. Hier hat Leipzig den Klimanotstand ausgerufen und das Sofortmaßnahmenprogramm verabschiedet, um Emissionen zu senken. Hier wird aber nicht mitgezählt, welche Emissionen Bürger außerhalb der Stadt, zum Beispiel im Urlaub, verursachen und der Flughafen wird auch ausgespart. Das ist eine total beschönigte Rechnung. Wenn wir aber wirklich unsere Emissionen verringern wollen, dann müssen wir ehrlich sein mit dem, was wir haben.

Das andere ist die Bewusstseinswandel-Ebene und da ist in Leipzig sehr viel passiert in den letzten fünf bis zehn Jahren. Das Klima und die ökologische Ausrichtung der Stadt wurden von einem Nischenthema zu einem richtigen Starthema. Dass es überhaupt so viel Aktivität zu diesem Thema in der Stadt gibt, liegt aber auch daran, dass die mehr als 30 Klimagruppen in Leipzig ordentlich Druck aufgebaut und die Initiative ergriffen haben. Wir sind da auf einem guten Weg, aber an „harten Fakten“ muss einfach insgesamt noch viel mehr passieren.

 

Mehr Informationen: www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org

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