Er wuchs mit fünf Geschwistern im Schwarzwald auf, holte das Abitur nach, weil er glaubte, von der Musik nicht leben zu können, liebt seine große bunte Patchwork-Familie, engagiert sich für suchtbetroffene Familien und hat eine klare politische Haltung gegen Rechts: Max Mutzke ist einer der authentischsten deutschen Musiker, der bei 80 bis 100 Konzerten pro Jahr immer größere Hallen füllt. Hier erzählt er Ahoi von seinem Leben zwischen Bühne und Beziehungen:
Hallo Max! Du kommst im Oktober mit deiner „Live-Tour 2026“ nach Leipzig. Was verbindest du mit der Stadt?
Max Mutzke: Leipzig ist eng mit meinem Beruf verbunden: Seit über 20 Jahren arbeite ich dort in unterschiedlichsten Konstellationen – von Shows und Festivals bis zu TV-Produktionen beim MDR. Ich habe viele Menschen kennengelernt und viel Zeit in der Stadt verbracht. Besonders mag ich diese Mischung aus Geschichte und Aufbruch. Ich komme aus dem Schwarzwald, eher traditionell geprägt. Leipzig wirkt dagegen offen, jung und dynamisch. Gerade im Sommer erinnert mich die Stadt ein bisschen an Lissabon: viel Leben, viel Szene, viel Energie. Ich fühle mich dort sehr wohl.
Worauf können sich die Fans beim Konzert freuen?
Max Mutzke: Nach meinem 20-jährigen Jubiläum haben wir eine Tour gespielt, die viele Stationen meiner Karriere abgebildet hat. Bekannte Songs, aber auch neue Stücke. Jetzt gehen wir bewusst einen anderen Weg. Mein Anspruch ist, dass jede Tour sich klar von der vorherigen unterscheidet. Wer mich mehrfach sieht, soll jedes Mal etwas Neues erleben.
Die Besetzung bleibt ähnlich, aber die Klangwelt verändert sich deutlich: neue Arrangements, ein anderer Sound, ein neues Bühnenbild. Es wird einen starken Percussion-Schwerpunkt und viele atmosphärische Elemente geben. Und ich erzähle heute viel mehr auf der Bühne. Persönliche Geschichten, mal lustig, mal ernst. Mir ist wichtig, dass das Publikum merkt: Das sind echte Themen, keine Rollen.
Warum hast du dir eigentlich nie einen Künstlernamen zugelegt?
Max Mutzke: Das hat sich nie ergeben, und ich habe es auch nie gesucht. Ich bin mit meinem echten Namen in die Öffentlichkeit gekommen und hatte nie das Bedürfnis nach einer Kunstfigur. Im Rückblick ist das ein Vorteil. Menschen erleben mich so, wie ich bin: ohne Maske, ohne Distanz.
Deine Eltern scheinen Alliterationen zu lieben: Ihr fünf Geschwister heißt Miriam, Moritz, Menzel, Max, Mertel. Nur dein Bruder Stefan tanzt namentlich aus der Reihe…
Max Mutzke: (lacht) Ja, wir sind eine große Familie. Fünf leibliche Kinder mit M-Namen, dazu ein Adoptivbruder. Stefan war unser ältester Bruder – aber nicht leiblich. Er kam schon sehr früh in die Familie, noch bevor wir geboren waren. Meine Mutter hat ihn über ihre Schwester kennengelernt, die in einem Heim gearbeitet hat. Dort lebte er als Kind, weil er Diabetiker war und medizinisch betreut werden musste. Für uns war er einfach immer unser Bruder, und leider ist er schon verstorben.
Dein Bruder Menzel ist Jazztrompeter. Spielt ihr zusammen?
Max Mutzke: Ja, sehr oft. Menzel spielt unter anderem mit der WDR Big Band, Clueso und den Fantastischen Vier, und er wird auch bei meiner kommenden Tour dabei sein. Wir sind die einzigen in der Familie, die Musik beruflich machen. Die anderen sind ganz andere Wege gegangen – Architektur, Maschinenbau, Handwerk. Aber wir sind dabeigeblieben.
Nichts ist so schlecht, dass es nicht für irgendwas gut ist.
Was machst du heute anders als am Anfang deiner Karriere?
Max Mutzke: Früher war ich unreflektierter und habe vieles einfach ausprobiert. Heute bin ich bewusster – musikalisch und persönlich.
Ich überlege genauer, was ich erzählen will und warum. Und ich habe verstanden, dass eine Karriere nicht nur aus Talent besteht, sondern auch aus Begegnungen, Timing und Glück. Außerdem spreche ich heute offener über mein Leben. Früher habe ich vieles für mich behalten – heute sehe ich darin auch eine Verantwortung.
Wie du schon sagst, sprichst heute offen über Persönliches – auch über die Alkoholsucht deiner Mutter, die du auch in deinem Buch „So viel mehr“ thematisierst. Was hat dich dazu gebracht?
Max Mutzke: Das kam relativ spät. Lange konnte ich darüber auf der Bühne gar nicht sprechen. Erst als ich gemerkt habe, dass solche Geschichten anderen helfen können, hat sich das verändert. Ein wichtiger Punkt war mein Engagement für Kinder alkoholkranker Eltern – da habe ich gesehen, wie groß der Bedarf ist, offen darüber zu reden. Viele fühlen sich verstanden, wenn man ehrlich ist, und merken: Sie sind nicht allein.
Mich begleitet dabei ein Gedanke schon lange: Nichts ist so schlecht, dass es nicht für irgendwas gut ist. Wenn man schwierige Erfahrungen weitergeben kann, kann daraus am Ende etwas Positives entstehen.
Wenn du einen neuen Song schreibst: Woran merkst du, dass er wirklich gut ist?
Max Mutzke: Die besten Songs entstehen oft schnell. Wenn eine klare Emotion da ist, fließt es.
Sobald ich anfange zu konstruieren, wird es schwieriger. Gute Songs haben eine gewisse Klarheit; sie fühlen sich eindeutig an.
Was kannst du gut, abgesehen von Musik?
Max Mutzke: Ich bringe gerne Menschen zusammen. Ich liebe es, Begegnungen zu organisieren und Räume zu schaffen, in denen etwas entsteht. Das kommt aus meiner Kindheit. Ich wollte nie allein sein und habe früh angefangen, Dinge zu planen und Leute zusammenzubringen. Außerdem arbeite ich gerne handwerklich. Werkstatt, bauen, reparieren, das ist für mich ein wichtiger Ausgleich.
Was inspiriert dich gerade außerhalb der Musik?
Max Mutzke: Mich beschäftigt, wie fragil und gleichzeitig robust demokratische Systeme sind. Ich finde es beeindruckend, wenn sich Gesellschaften gegen autoritäre Tendenzen behaupten, zum Beispiel bei der Wahl in Polen. Das gibt mir Hoffnung.
Was hat dich zuletzt überrascht?
Max Mutzke: Dass demokratische Strukturen trotz vieler Herausforderungen immer wieder funktionieren. Und gleichzeitig, wie schnell Menschen zu einfachen Antworten auf komplexe Probleme greifen. Oft in Richtungen, die ich sehr, sehr kritisch sehe, etwa bei der AfD.
Was nervt dich am Musikgeschäft mehr, als du gedacht hättest, und was liebst du bis heute?
Max Mutzke: Ich habe unterschätzt, wie viel Zeit Organisation kostet, und wie wenig manchmal die Musik selbst im Mittelpunkt steht. Was mich belastet, ist die Distanz zur Familie durch das viele Reisen. Was ich liebe, ist unverändert: mit Menschen zu arbeiten, die für Musik brennen. Und live auf der Bühne zu stehen!
Wenn du heute auf deinen ESC-Auftritt 2004 schaust – was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?
Max Mutzke: Verlass dich auf dich selbst. Nimm an, was kommt. Es wird seinen Sinn haben.


