Zwischen Battlerap und politischen Statements – sie trägt Fuchsmaske und scheut keine Konfrontation: Rapper Antifuchs. Eine harte, weibliche Stimme im deutschen Rap. Sie macht Rap auf Augenhöhe. Als ihre Karriere um die Jahrtausendwende begann, war das noch eine Ausnahme. Mit ihrer aktuellen Single „Ich hasse Menschen“ beweist Antifuchs erneut: Rap muss mehr sein als Unterhaltung – nämlich Widerstand und Haltung. Im Interview mit Paula Goos, spricht Antifuchs über ihre Anfänge im Battlerap, warum sie sich nie als „Female Rapper“ verstanden hat und ihre aktuelle Tour. Ein Gespräch über Dualität, Haltung und Mut.
Hi Antifuchs. Was ist das Dümmste, was du in letzter Zeit gemacht hast?
Antifuchs: Ich habe in letzter Zeit zum Glück weniger dumme Entscheidungen getroffen. Aber ich habe mir zu lange Zeit mit dem neuen Album gelassen, das war vielleicht dumm.
Du bist Rapper - nicht Rapperin. Was ist für dich der Unterschied?
Antifuchs: Ich habe mich schon immer ausgegrenzt gefühlt, wenn ich in rein männlichen Kreisen als “Rapperin” oder “Female Rapper”, wenn man es auf die Spitze treiben will, bezeichnet wurde. Was hat mein Geschlecht denn damit zu tun, dass ich halt mies krank rappen kann? In den Live-Battles, aus denen Antifuchs entstanden ist, ging es ums Kräftemessen. Ich hatte immer das Gefühl, wir Frauen werden da nicht ernst genommen. Es war mir schon immer wichtig, mit meinen männlichen Kollegen auf Augenhöhe stattzufinden. Ich mache nichts anderes als die. “Dem mic ist es egal, ob ich Brüste habe.”
Du hast in einer Zeit mit Rap angefangen, als es noch eine Ausnahme war, als Frau dort stattzufinden. Heute gibt es viel mehr weibliche Rapper. Newcomer wie Ikkimel und Shoki zum Beispiel, stellen ihre Weiblichkeit aktiv in den Vordergrund ihrer Musik und sexualisieren sich selbst. Ändert das für dich etwas am Rapper(in) sein?
Antifuchs: Mittlerweile bezeichne ich mich selbst schon auch mal als Rapperin, je nachdem, mit wem ich rede und in welchem Kontext. Der Begriff wird ja heute ganz anders wahrgenommen als früher. Die Hörer sind jetzt auch ganz andere. Früher waren es wirklich einfach nur Männer. Die musste man dann auch ansprechen. Heute hat Rapmusik ein viel breiteres Publikum. Ich glaube, dass dieser “neue” Rap heute auch aus einer ganz anderen Motivation entsteht.
“Ich bin ins Game gekommen und wollte meinen ausschließlich männlichen Kollegen beweisen, dass ich unf*ckbar bin. Wortwörtlich und im übertragenen Sinne.
Im Battlerap hatte ich noch ein ganz anderes Bild von einer “starken Frau”. Da war es mir wichtig, nicht über sexualisierte Attribute zu gehen, sondern über die Musik. Nach meinem Gefühl damals hätte ich mich diskreditiert, hätte ich mich so sexuell inszeniert. Was Rapperinnen heute machen, ist oft genau das Gegenteil. Es wird sich aktiv sexualisiert und das ist wiederum eine Kampfansage. Heute ist der Zugang ein ganz anderer.
Es soll um Musik gehen, guten Rap, nicht Aussehen. Deswegen trägst du eine Fuchsmaske. Was bedeutet dir deine Maske noch? Ist Antifuchs für dich auch sowas wie eine zweite Persönlichkeit? Was kannst du dort ausleben, was als Privatperson nicht geht?
Antifuchs: Ich denke da seit 10 Jahren drüber nach und werde es auch immer wieder gefragt, trotzdem habe ich keine klare Antwort. Das entwickelt sich natürlich auch mit der Zeit. Definitiv habe ich mehrere Persönlichkeiten, auch schon bevor ich diese Maske getragen habe. Ich vereine viele gegensätzlich erscheinende Interessen in mir: Auf der einen Seite bin ich als Cheerleader in kurzen Röckchen auf einem Spielfeld rumgeturnt und habe super harten Sport gemacht. Auf der anderen Seite stand ich in Baggy Pants auf der Bühne und habe Joints geraucht. Ein anderes Mal chille ich entspannt zu Hause, mache mir Kerzen an und höre Soul – Amy Winehouse und Erykah Badu. Einen Tag später findet man mich dann beim Limp Bizkit Konzert. Ich kann alles gleichzeitig sein. Die Maske gibt mir natürlich auch Selbstbewusstsein auf der Bühne. Ich musste meine Schüchternheit nie überwinden und konnte direkt mein Können zeigen, weil die Maske mich beschützt und zu Antifuchs macht. Das ist aber keine Kunstfigur, sondern ein Teil von mir, den ich durch ihre Hilfe der Welt zeigen kann.
Also drückt Antifuchs irgendwie auch die Dualität deines Seins aus?
Antifuchs: Ja. Das fing an, als ich einen meiner ersten Auftritte in einem Jugendzentrum hatte und der Mensch, der mir das da vermittelt hat, meinte: "Du bist doch ein Mädchen, Rap steht dir gar nicht! Mach mal was Netteres, Liebes. Dann können wir dich auch fördern.” Ich wollte ihm unbedingt beweisen, dass das sehr wohl geht!
Ich kann so hart sein, wie ich will.”
Ich dachte dann, okay, mache ich halt den harten Kram mit Maske und alles Nettere dann ohne. Aber dazu ist es nie gekommen. Egal welche Antihaltung auf mich zukommt, als Antifuchs kann ich dagegen angehen und es allen beweisen.
Deine aktuelle Single “Ich hasse Menschen” ist super passend zur aktuellen politischen Lage. Es geht um Merz und die Brandmauer. Wie aktuell und schnell ist dein Songwriting-Prozess?
Antifuchs: Eigentlich hatte ich eine ganz andere erste Single geplant für das Album, aber die vorgezogene Bundestagswahl war ja jetzt auch nicht unbedingt so geplant. Bis vor drei Wochen war ich in einem ganz anderen Modus, aber dann hatte ich einfach das innere Bedürfnis, mich mal richtig auszukotzen. Die Nachrichten überschlagen sich, alle Geschehnisse werden instrumentalisiert. Da ist es besonders wichtig, sich zu positionieren und Haltung zu zeigen, gegen Rechts. Es hätte sich falsch angefühlt, über mich zu rappen und nicht auf die aktuellen Geschehnisse einzugehen. Daher habe ich mir und meinem Team ein bisschen in den Arsch getreten und dann ging plötzlich alles ganz schnell.
Geht das Texten bei dir immer so schnell?
Antifuchs: Man ist heute dazu gezwungen, immer zu liefern, um sein Business aufrechtzuerhalten. Ich schreibe auch alles selbst, da dauert es auf jeden Fall mal länger, nach einem abgeschlossenen Projekt wieder Inspiration zu sammeln. Ich muss zwischendurch immer ein bisschen leben, um wieder etwas zu erzählen zu haben. Wenn ich dann weiß, worüber ich reden will, sprudelt es wie ein Wasserfall. Da schreibe ich einen Song pro Tag
Die Hook lautet “Ich hasse Menschen, die Menschen hassen.” Ist das nicht etwas widersprüchlich?
Antifuchs: Die Skizze von dem Track lag schon etwas länger rum, jetzt hat er einfach perfekt in die Zeit gepasst. Es ist natürlich etwas widersprüchlich, das sehe ich auch ein. Aber ganz ehrlich, bei Rassismus und Menschenfeindlichkeit, da platzt mir wirklich der Kragen. Ich kann mich einfach nicht mit Menschen abgeben, die solche Einstellungen haben.
Siehst du in deinem Schaffen oder für Rap allgemein eine Pflicht, politisch zu sein?
Antifuchs: Das entscheidet immer noch jeder Künstler für sich selbst. Man bietet natürlich eine riesige Angriffsfläche damit. Das muss man auch aushalten können. Ich verstehe, wenn man das aktiv vermeidet, für mich ist es aber keine Möglichkeit, unpolitisch zu sein. Ich positioniere mich schon immer klar gegen rechts, nicht erst seit dem aktuellen Rechtsruck. Es besteht immer die Gefahr, dadurch Hörer zu verlieren. Ganz ehrlich, die brauche ich eh nicht! Für mich ist das keine Gefahr. Der Großteil meiner Community macht mich gerade sehr stolz, mit ihren Statements und Diskussionen.
Deine anstehende Tour heißt “Scheiß Leben, gute Tour” – findest du dein Leben aktuell Scheiße?
Antifuchs: Seitdem die Tour steht, nicht mehr. Auf Tour ist eh immer alles gut! Aber es geht mir gerade wirklich besser, dieser Titel stammt noch aus einer Zeit, wo es eher bergab ging. Ich lenke mich dann gerne mit Musik machen von meinen Problemen ab. Viele meiner Songs konnte ich erst dank dem "Scheiß Leben” schreiben. Die sorgen wiederum jetzt dafür, dass die Tour und meine Rapkarriere läuft – checkst du?
Du kommst auch in Leipzig vorbei – eine sehr politische, junge Stadt mit viel Subkultur. Hast du eine besondere Connection zu Leipzig?
Antifuchs: Ich war schon mehrmals da, auf Tour und für Konzerte. Letztes Jahr haben wir mit Swiss + Die Anderen in der Moritzbastei bei “Leipzig zeigt Courage” gespielt. Das war 'ne super Veranstaltung. Auch da haben wir ein Statement gegen Rechts gesetzt und hatten schöne Zeiten in Leipzig. Wir freuen uns auf jeden Fall, immer wiederzukommen!
Dein Lebensmotto?
More Risk, more fun!


