Mit Hysteria veröffentlicht Mehmet Akif Büyükatalay nach seinem Debüt Oray seinen zweiten Spielfilm als Regisseur – ein packender, vielschichtiger Verschwörungsthriller. Nach der Uraufführung auf der Berlinale feierte der Film am 7. November Leipzig-Premiere in der Schaubühne Lindenfels. Ahoi Leipzig sprach vorab mit Regisseur Büyükatalay und Hauptdarstellerin Devrim Lingnau Islamoğlu, bekannt aus der Netflix-Serie Die Kaiserin.
Ein Film im Film: Die Geschichte hinter „Hysteria“
Der Regisseur „Yigit“ und seine Produzentin und Lebensgefährtin „Lilith“ drehen einen Film über den von Rechtsextremisten 1993 in Solingen verübten Brandanschlag, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen. Am Set kommt es jedoch zu einem kritischen Vorfall: Ein verbrannter Koran wird gefunden – ein Schockmoment, der Misstrauen und Vorurteile offenlegt. Von da an geraten die Dreharbeiten zunehmend außer Kontrolle. Im Mittelpunkt steht die junge Filmpraktikantin „Elif“, die am Set versucht, ihre Privilegien und Chancen zu nutzen, um in der Filmbranche Fuß zu fassen. Sie wird beauftragt, die Filmkassetten des Drehtages sicher in die Wohnung des Regisseurs und der Produzentin zu bringen. Doch sie verliert den Schlüssel. Nach einer rätselhaften Textnachricht des Finders, dem sie ihre Adresse verrät, findet sich Elif in einem gefährlichen Spiel aus Geheimnissen, Anschuldigungen und Lügen wieder – getrieben von der Angst, dass jederzeit ein Fremder Zugang zu der Wohnung haben könnte.
Der verlorene Schlüssel und das Fremde
Die Idee zu Hysteria entstand, wie Büyükatalay im Interview erzählt, aus einer scheinbar alltäglichen Situation: „Stellen Sie sich vor, in einer WG verliert jemand den Schlüssel. Eines Tages ruft ein vermeintlicher Finder an, sagt, er habe ihn gefunden, bekommt die Adresse – und kommt dann nicht. Plötzlich ist da jemand draußen, ein Unbekannter, der den Schlüssel hat und die Adresse kennt.“ Büyükatalay verwebt diese Geschichte mit filmischen Ebenen, einem Film-im-Film-Motiv, einer Reflexion über Machtstrukturen und die Verantwortung der Bildermacher. „Ich habe gemerkt, dass das Bild des Fremden allein nicht ausreicht, um gesellschaftliche Hysterie zu erzählen“, erklärt der Regisseur. Ein zentrales Motiv im Film sei „das Bild des Fremden und Unbekannten“ – und wie es unsere Wahrnehmung und den Umgang mit Konflikten prägt. Die Folge: Wir sprechen als Gesellschaft nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander – und projizieren vieles auf das Fremde und Unbekannte.
Elif – eine Figur zwischen Anpassung und Selbstfindung
Die Figur Elif versucht, ihre Chancen durch Fleiß und Gehorsam zu nutzen, fühlt sich jedoch weder in der Welt ihrer Herkunft noch in der privilegierten Filmbranche wirklich zu Hause. Ihre Besetzung mit Devrim Lingnau Islamoğlu war kein Zufall – aber auch kein einfacher Weg. Büyükatalay erzählt: „Am Anfang wollte ich Elif gar nicht migrantisch machen. Ich wollte sie deutsch machen.“ Der Grund: Schon in seinem Debütfilm Oray war die Hauptfigur männlich, migrantisch und wütend. Elif sollte das Gegenteil verkörpern. „Aber irgendwann merkte ich, ich bin der Figur gegenüber nicht fair. “ Erst als er Elif migrantisch zeichnete, fand der Film seine emotionale Wahrheit.
„Wir haben uns dann sehr viel über unsere Lebenserfahrungen ausgetauscht“, sagt Lingnau Islamoğlu. „Was aus unseren Biografien gesellschaftlich relevant ist – und wie wir das erzählen wollen.“ Diese persönliche Verbundenheit der beiden spürt man in der Darstellung von Elif. „Besonders herausfordernd war“, erinnert sich Lingnau Islamoğlu, „unser erster Drehtag – ich war fix und fertig mit den Nerven, wütend auf mich und auf Mehmet.“ Büyükatalay ergänzt: „Wir haben uns umarmt und geweint.“ Beide hatten Angst, einander zu enttäuschen – doch aus dieser Angst heraus entstand letztlich die Figur Elif. „Diese Angst zu enttäuschen ist wahrscheinlich tief in uns allen verwurzelt. Und das hat Devrim in die Figur übersetzt.“
Ein Film, der bleibt
Hysteria ist kein einfacher Film, aber einer, der bleibt – ein Film, der nachhallt und bewusst zum Nachdenken anregt. Er zwingt uns, über Machtverhältnisse, über Bilder und Bildermacher und über unsere eigene Wahrnehmung nachzudenken. Wer Kino liebt, das wirkt und bleibt, wird hier fündig.
Zu sehen ist Hysteria in ausgewählten Kinos in Deutschland, darunter auch in der Schaubühne Lindenfels in Leipzig.

