Draußen auf der Bornaischen Straße zieht die Straßenbahnlinie 11 vorbei – parkende Autos, leere Schaufenster und grauer Putz. Man könnte meinen, hier passiert nicht viel. Doch durch einen unscheinbaren Hofeingang in der Hausnummer 158 betritt man plötzlich eine Parallelwelt. Hier kommt selten jemand zufällig vorbei – wenn, dann wegen des Fotografen Gert Lehmann und seiner Hofgalerie Gestus.
Bilder voller Nostalgie
Gestus, das ist der äußerer Ausdruck der inneren Gefühle
In der Galerie finden sich Fotos von Naturspektakeln in Leipzig, Ausschnitte aus Magazinen, Auftragsarbeiten und Leidenschaft, Mode- und Beautyfotografie aus DDR und BRD. Frisuren, Pelze, Schmuck und Strümpfe: Alles, was mit schönen Frauen zu tun hat. Das war Lehmanns Fachgebiet. Er wurde in der DDR für seine kreativen und lebhaften Inszenierungen geschätzt, sollte den Stil des Westens kopieren, arbeitete mit Projektionen und Licht. Was andere Fotografen machten, war ihm oft zu gestellt und vor allem zu steif. Das war ihm schon aufgefallen, als er noch selbst als Model vor der Kamera stand, entdeckt bei seinem Job als Kellner in einer Dresdner Bar Anfang der 70er. So fand er zur Fotografie, ohne Ausbildung, als reiner Autodidakt – im Osten eine Ausnahme. Aber 08/15 war eh nie eine Option für ihn.
Wer die Ausstellung betritt, lernt Lehmann schnell kennen, denn sie ist sein Lebenswerk. Über 40 Jahre war er aktiv als Fotograf, seit 2015 fotografiert Lehmann nicht mehr. Heute verbringt er seine Zeit in der Galerie, von Freitag bis Montag. Umgeben von seinen Bildern, im Austausch mit Besuchern, alten und neuen Freunden, Bekannten und Fans. Er raucht viel, selbstgestopfte Zigaretten aus Pfeifentabak und Kaffee. Drei Ruhetage gönnt sich der mittlerweile über 80-Jährige unter der Woche. In der Galerie findet sich nur ein kleiner Ausschnitt seines Schaffens. Die ganze Modefotografie aus der DDR hat er nach der Wende entsorgt, was er heute sehr bereut. Trotzdem füllen die Bilder jeden Winkel des Innenhofs. Sie sind größtenteils Schwarz-Weiß, auf schwarzem Fotokarton, laminiert und hängen mit Klammern befestigt an Leinen wie nasse Kleidung. Im Haus geht es weiter mit der "Ouvertüre" von Lehmanns Leben und Konzertfotografie. Hier können Besuchende sich auch durch über 4.000 weitere Bilder stöbern: Momentaufnahmen aus Leipzigs Szenekneipen, Nachtleben und vom Wave Gotik Treffen.
Ein Teil der Szene
Zu den „Gruftis” pflegte Lehmann eine besondere Verbindung; er war zwar selber keiner, fühlte sich dort aber immer wohl. Hier waren die Menschen noch rücksichtsvoll, höflich, zugewandt: „Bei anderen Festivals trinken sie drei Bier und kloppen sich die Birne ein – das passiert bei den Gruftis nicht“, sagt Lehmann.
Der Gestus Mondkalender, welchen er jährlich zum Treffen der schwarzen Szene veröffentlichte und darin seine Fotografien und Nischenwissen der Astrologie verwertete, wurde zu einem Must-have für WGT-Besuchende. Auch seine Galerie ist am Pfingstwochenende ein Treffpunkt der Szene, so mancher findet sich selbst auf den alten Bildern wieder. Da werden Geschichten und Erinnerungen wach. „Genau dafür ist die Fotografie doch da”, so Lehmann. „Was bringen all diese Bilder, wenn man sie nicht sehen kann?“.
Für immer Leipziger
Sein ganzes Leben verbrachte Lehmann in Leipzig, im Herbst ’87 zog es ihn nach dem Tod seiner Schwester für 4 Jahre nach West-Berlin. Seine Foto-Idole kennenlernen, all das, was er zuvor nur in West-Fotomagazinen wie „Madame“ oder „Vogue“ gesehen hatte, real erleben. Seinen ersten Auftrag im Westen bekam er mithilfe von Starfriseur Udo Walz. Der bürgte für das Studio, stylte Frisuren, die er fotografieren konnte. Die Bilder landeten in der Friseur-Presse – schließlich war Walz ein Name.
Dennoch: Lehmann war kein Rebell. „Ich habe immer das gemacht, was ich für richtig hielt, ohne dass ich mit der Faust durch die Gegend gerannt bin.“ Im Osten galt: Wer unauffällig blieb, hatte die größten Freiheiten. Unter dem Radar – das war sein Rezept. Leipzig ist für ihn Alltag, Heimat, Zuhause. Er merkt oft, wie junge Leute heute Leipzig als etwas Besonderes empfinden. Für ihn ist das selbstverständlich. Die Bevölkerung sei offen, geschäftstüchtig, herzlich – das habe sich laut seiner Theorie durch die Messestadt-Tradition in die Gene eingeschrieben.
Dasselbe gilt auch für den Fotografen. Besuchende der Hofgalerie, werden schnell in seinen Bann gezogen, tauchen ein in eine Welt aus Nostalgie und Schönheit. Profit machen möchte Lehmann mit der Ausstellung nicht – nur Erinnerungen teilen und zum Verweilen einladen.
Ich habe immer das gemacht, was ich wollte – nicht das, was sich gelohnt hat.
Ein Enddatum hat die Ausstellung bisher nicht. In seinen Worten: „Entweder ich überlebe die Ausstellung, oder die Ausstellung überlebt mich."





