Ende 2019 stellte die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ in Leipzig einen interaktiven Stadtplan vor, der rund 1.000 geheime Stasi-Objekte verzeichnete. Das Projekt, finanziert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, bot erstmals die Möglichkeit, Standorte und Nutzungen zu recherchieren. Neue Recherchen im Stasi-Unterlagen-Archiv haben die Zahl der bekannten Objekte auf fast 1.200 erhöht. Neben konspirativen Wohnungen sind nun auch offizielle und halboffizielle Dienststellen erfasst. Zudem wurde die Karte technisch überarbeitet und bietet verbesserte Filterfunktionen für gezielte Abfragen.
Ein Netz der Überwachung: Stasi-Strukturen in Leipzig
Die Staatssicherheit verfügte nicht nur über bekannte Dienststellen, sondern auch über geheime Wohnungen und Stützpunkte. Dazu gehörten konspirative Wohnungen (KW) und konspirative Objekte (KO), die sich in Privatwohnungen, staatlichen Einrichtungen oder ganzen Häusern befanden. Sie dienten als Treffpunkte für Inoffizielle Mitarbeiter, Beobachtungsposten oder Tarnadressen. Die Stasi nutzte diese Orte unter falschen Bezeichnungen, um unentdeckt zu bleiben.
Bereits während der Friedlichen Revolution 1989 meldeten Bürger verdächtige Wohnungen. Eine Gruppe aus Bürgerkomitee-Mitgliedern, einem Staatsanwalt und einem Volkspolizisten kontrollierte gemeldete Adressen. Dokumentierte Hinweise aus dieser Zeit bildeten die Grundlage für das aktuelle Forschungsprojekt. Im Juni 1990 veröffentlichte die „taz“ eine Liste bekannter konspirativer Wohnungen, während das Leipziger Bürgerkomitee eine erste Ausstellung mit einer Stadtkarte und 350 Stasi-Objekten zeigte.
Forschung und Archivfunde: Neue Erkenntnisse
Seit 2018 überprüft die Gedenkstätte die bisherigen Daten mit neuen Archivfunden. Während ähnliche Projekte in Berlin und Erfurt nur Teilaspekte abdecken, zeigt Leipzig erstmals das gesamte Ausmaß der Stasi-Präsenz. Die digitale Karte ergänzt die Dauerausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ und macht die Überwachungsgeschichte Leipzigs interaktiv erfahrbar.
Entscheidend für die neuen Erkenntnisse war die operative Straßenkartei (F78), in der viele konspirative Objekte verzeichnet waren. Während ursprünglich 450 Adressen bekannt waren, wuchs die Zahl mit neuen Funden stetig. Besonders die sogenannten IMK/KW – Privatwohnungen, die von Inoffiziellen Mitarbeitern für Stasi-Zwecke genutzt wurden – waren zuvor kaum dokumentiert.
Zahlen und Entwicklungen: Die erweiterte Karte
Bei Veröffentlichung des ersten Stadtplans im Dezember 2019 waren 1.062 Objekte nachgewiesen, darunter 698 private Wohnungen, die ein Zimmer für die Stasi bereitstellten. In den folgenden Jahren wurde die Forschung trotz pandemiebedingter Einschränkungen fortgesetzt. Neue Erkenntnisse betreffen insbesondere die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die für Auslandsspionage zuständig war. Deren konspirative Wohnungen in Leipzig stiegen auf 73 an. Auch Objekte der Hauptabteilung I, die die Nationale Volksarmee überwachte, wurden erstmals dokumentiert. Weitere 47 Wohnungen und Stützpunkte operativer Abteilungen aus anderen DDR-Bezirken kamen hinzu, da Leipzig als Messestadt für Spionage besonders relevant war.
Zusätzlich wurden offizielle und halboffizielle Dienstgebäude in die Karte aufgenommen. Dazu gehören neben der Bezirksverwaltung am Dittrichring und der Kreisdienststelle Leipzig-Stadt in der Friedrich-Ebert-Straße auch das Gästehaus der Bezirksverwaltung in der Primavesistraße, das Stasi-Wohngebiet in der Otto-Schmiedt-Straße oder die Dynamo-Sporthalle in der Raschwitzer Straße.
Technische Optimierung der Karte
Neben inhaltlichen Ergänzungen wurde auch die digitale Plattform verbessert. Eine neue Programmierung sorgt für bessere Übersichtlichkeit, optimierte Datenverwaltung und eine erweiterte Suchfunktion. Filter ermöglichen gezielte Abfragen nach Nutzungsarten, Decknamen oder Tarnmechanismen.
Ausblick: Weitere Forschungen geplant
Trotz umfangreicher Erkenntnisse bleiben noch offene Fragen. Standorte für Telefon- und Postkontrollen sowie temporäre Beobachtungsstützpunkte sind noch nicht vollständig erfasst. Auch seither eingemeindete Stadtteile fehlen noch. Langfristig könnte die Karte auf den gesamten ehemaligen Bezirk Leipzig ausgeweitet werden, um die Stasi-Präsenz noch detaillierter zu dokumentieren.


