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Eine Seite Vernunft

UNVERNUNFT VERNÜNFTIG VERWALTEN
Vernunft ebenso wie Unvernunft sind sehr subjektive Empfindungen – subjektiver, als wir das oft gerne wahrhaben wollen. Ich persönlich bin eigentlich ein eher vernünftiger, ich glaube auch sehr offener und ehrlicher Mensch. Einigermaßen gut strukturiert, sehr direkt, manchmal vielleicht zu offenherzig und gutgläubig. Dies widerspricht ein bisschen dem, was gern mit meinem Berufsfeld Theater verbunden wird: überbordende Emotionalität, Egozentrik, künstlerisch-kreatives Durcheinander. Und was ich in meiner Funktion als Regisseur in Teilen auch bedienen darf, ja bedienen muss: bei der Auseinandersetzung mit abgründigen Charakteren und Figuren „unvernünftige“ Emotionen erzeugen, suchen, zweifeln, „Unvernunft“ herstellen und aushalten und ihr am Ende dann mit Vernunft, Erfahrung und Handwerk eine sinnvolle Form geben.
Die Fähigkeit und Leidenschaf t, „unvernünf tig“ zu sein, ist in meiner Funktion als Intendant eher weniger gefragt. Im Gegenteil. Hier ist vielmehr die Aufgabe, beispielsweise vernünftig mit Ressourcen umzugehen, ein kluges, vielfältiges Programm mit vernünftigen und unvernünftigen Positionen zu planen oder das gesamte, hier am Haus sehr tolle Team verantwortungsvoll mitzunehmen. In Summe also die mich manchmal umgebende und von mir so hochgeschätzte Unvernunft der Theatermenschen vernünf tig zu „verwalten“ und dabei die eigene Unvernunft vernünftig zu unterbinden. Ich habe mich oft gefragt, welche der beiden – jede für sich sehr herausfordernden – Aufgaben ich mehr schätze, welche ich lieber ausübe. Das kann ich bis heute nicht wirklich beantworten. Wenn ich inszeniere, vermisse ich im nervenzehrenden Chaos der Endproben die Struktur, Ruhe, auch Rückzugsmöglichkeit meines Arbeitsfeldes als Intendant. In den Wochen, in denen ich ausschließlich Intendant bin, fehlen mir wiederum die wunderbaren Momente, in denen auf Proben unerwartete, weil unvernünftige Dinge entstehen, die später im Zusammenspiel aller Bühnenmittel das Publikum verzaubern können.
Vielleicht ist also die Antwort auf die Frage, welches Arbeitsfeld ich bevorzuge: Es ist ein großes Privileg, einen Beruf ausüben zu dürfen, in dem man zwischen zwei solch besonderen Aufgaben hin- und herspringen darf – einerseits vernünftig unvernünftig sein kann und dann andererseits wieder unvernünftig vernünftig sein muss. Wer kann, wer darf das von seinem Beruf schon sagen?
Enrico Lübbe arbeitete vor seiner Zeit am Schauspiel Leipzig unter anderem am Berliner Ensemble, Deutschen Theater Berlin, Residenztheater München. Am Schauspiel Leipzig inszenierte er zuletzt „WOYZECK“ von Büchner und Shakespeares „RICHARD III“. Seit Beginn der Intendanz Lübbe erhielt das Schauspiel Leipzig zahlreiche Einladungen zu renommierten Theaterfestivals wie dem Berliner Theatertreffen, den Mülheimer Theatertagen, den Autor:innentheatertagen Berlin und der Biennale in Venedig. Lübbe arbeitet seit einigen Jahren auch erfolgreich als Opernregisseur.

