- Ausbildung & Arbeit
Eine Seite Vernunft

„Mach dein Ding!“
Vernünftig sein, funktionieren, geregelte Bahnen. Das trifft ganz gut auf mich zu. Allen Ansprüchen gerecht werden. Aber wer kann das schon? Ist es ein gesellschaftliches Phänomen oder ein persönliches? Für mich gesprochen sicherlich letzteres. Aufgewachsen bin ich im südlichen Zipfel des Leipziger Landes auf einem Bauerngut. Dort lebte ich mit meinen blinden Eltern und geliebten Großeltern. Mehr oder weniger unbeschwert, schon immer mit der Verantwortung im Nacken, vernünftig zu sein. Alles hatte seinen Platz. Meine Augen lieh ich meinen Eltern, beschrieb stets alles, was mir vor die Nase kam. Achtung Stufe, das ist Weizenmehl, das Oberteil sieht grün aus.
Im Studium lernte ich dann meinen späteren Mann und Büropartner Sebastian kennen. Sein Sonnenschein-Gemüt, stets gepaart mit positiver Energie und Fröhlichkeit, beeindruckte mich sehr. Vor allem diese Unbeschwertheit, die ich so nicht kannte. Ich blühte im wahrsten Sinne auf. Das Studium bereitete mir große Freude, meine zweite Hälfte im Leben hatte ich gefunden. Ying und Yang. Was für ein Geschenk.
Zum Jahreswechsel 2003/2004 beschlossen wir, uns selbstständig zu machen. Sebastian startete bereits Ende 2004, ich war zu dem Zeitpunkt noch angestellt. Hieß im Klartext: tagsüber angestellt, am Abend und am Wochenende selbstständig. Zumindest hatten wir ein festes Gehalt. Vernünftig. Das sichere Nest zu verlassen, war für unser Umfeld nicht nachvollziehbar. Außer für meine Eltern: „Mach dein Ding“, wie es Udo Lindenberg so schön beschreibt, war ihr Kommentar.
Der Anfang war hart. Wir schliefen auf der Luftmatratze im Büro. Waren voller Leidenschaft und Überzeugung, die Welt mit unserer Architektur besser zu machen. Dranbleiben, sich treu bleiben, sein Rennen fahren. 2006 haben wir geheiratet. 2007 kam unser Sohn auf die Welt. Ein weiteres Geschenk. Mittlerweile führen wir seit fast 20 Jahren unser Büro. Klein und fein, der Architektur verschrieben, mit aller Kraft und Energie. Kunst- und Kulturbauten sowie hochwertiger Wohnungsbau sind unser Steckenpferd.
Immer noch große Freude macht mir die Tätigkeit als Preisrichterin bei Architekturwettbewerben. Mein zweites Preisgericht war das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin. Mein Label schien mir „jung“, „Frau“ und „aus dem Osten“. Es war für mich eine prägende Erfahrung, bis heute. Hochkarätiges Gremium aus Politik, Kunst, Architektur und Gesellschaft. Und mir. Mit den Jahren gewann ich an Selbstsicherheit und Vertrauen. Frau, Mutter, Ehefrau, Büropartnerin, Jurorin, Professorin, daneben Gremienarbeit, ehrenamtliches Engagement etc. Balance halten ist hier die Prämisse.
Die Architektin Silvia Schellenberg-Thaut gründete 2005 gemeinsam mit Ehemann Sebastian Thaut das Atelier ST. 2007 wurde sie als damals jüngstes Mitglied in den Bund Deutscher Architekten berufen. Seit 2021 ist sie Vorsitzende des Stadtgestaltungsbeirats Bamberg. Aktuell hat sie eine V-Professur an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg inne.

