Eine Seite Vernunft

Vernunft und Politik - eine komplexe Beziehung
Politik hat die Aufgabe, verschiedene Interessen zu verhandeln und sie möglichst in Einklang zu bringen. Im Einzelfall müssen aber auch immer wieder schwierige und durchaus unliebsame Entscheidungen getroffen werden. Die Kunst besteht dabei darin, im Alltag den Blick für das große Ganze nicht zu verlieren und Mehrheiten für mutige Entscheidungen zu finden, die möglichst über einen Doppelhaushalt oder eine Wahlperiode hinausgehen.
Als Sportler war es für mich einfach unverzichtbar wichtig, stets ein Ziel vor Augen zu haben. Auf dem Weg dorthin dürfen auch mal Fehler und Rückschläge passieren. In Politik und Verwaltung wünsche ich mir ab und zu mehr Mut und vor allem die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, anstatt einfach nur Fehler zu vermeiden. An bestimmten Stellen braucht es einfach eine gewisse Euphorie und Begeisterung: eine gemeinsame Vision, die zu einer gemeinschaftlichen Kraftanstrengung zusammenschweißt – selbst wenn die Aussichten auf Erfolg im ersten Moment tatsächlich unvernünftig erscheinen. Die Leipziger Bewerbung für Olympia 2012 im Jahr 2003, die von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis über Parteigrenzen und verschiedene soziale Milieus hinweg getragen wurde, ist für mich solch ein Beispiel. Aus den gescheiterten deutschen Olympia-Bewerbungen der vergangenen Jahre gilt es nun, vernünftige Schlüsse zu ziehen. Wir brauchen einfach ein verbindendes Projekt, mit dem sich auch tatsächlich eine breite Mehrheit der Gesellschaft identifizieren kann.
Dem entgegen steht derzeit ein gegenwärtiger Trend zur Emotionalisierung von Debatten, der eine vernünftige Analyse und Herangehensweise an große Herausforderungen erschwert. Als positiven Beitrag empfinde ich daher die Aussagen des im Sommer neu gewählten Chefs des Weltklimarats, Jim Skea, der Ratio mehr Raum in der Kommunikation zu geben und keine lähmenden Weltuntergangsszenarien in den Mittelpunkt zu stellen. Auch wenn unser Verstand uns das mitunter immer mal wieder suggerieren will: Auf komplexe Probleme gibt es keine einfachen Antworten. Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder vermehrt zu einer vernünftigen Gesprächskultur zurückfinden und uns nicht mit einem simplen „Schwarz“ oder „Weiß“ abfinden.
Jens Lehmann hat für den SC DHfK Leipzig seine größten Erfolge als Weltmeister und Olympiasieger im Radsport eingefahren. Neben seinem ehrenamtlichen Engagement für den Sport in unserer Stadt im Stadtrat und Stadtsportbund vertritt er die Interessen Leipzigs seit 2017 als direkt gewählter Abgeordneter im Deutschen Bundestag.