Ahoi: Wie kann das Zukunftszentrum tatsächlich Neuland betreten? Über die Zeit nach der Wende wird seit Jahren geforscht, geschrieben und debattiert.
Bretschneider: Wir denken den thematischen Zuschnitt neu, weil wir einen langfristigen Blick auf das deutsch-deutsche Zusammenwachsen werfen, den Vergleich zu Ost-Mitteleuropa suchen und daraus Perspektiven für künftige Transformationen destillieren. Wissenschaft, Veranstaltungen und Dialog begreifen wir nicht getrennt, sie greifen in einem organischen Prozess ineinander. Und wir ermöglichen von Anfang an Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Transformationserfahrungen.
Ahoi: Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Bretschneider: Ein Beispiel: Wir bauen ein „Archiv der Transformation“ auf, das ich als Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit betrachte. Es sammelt Geschichten von Menschen, die Transformation erlebt, durchlitten oder gestaltet haben. So füllt sich allmählich eine riesige Schatztruhe mit unterschiedlichen Perspektiven und Lebenswegen. Dabei geht es vor allem um die leisen Geschichten, die bisher überhört wurden. Es ist ein Weg, die Lebensleistung vieler Ostdeutscher in der Umbruchszeit zu beleuchten und sichtbar zu machen.
Ahoi: Kann das gesellschaftlichen Frust über Erfahrungen wie Jobverlust oder die gefühlte Abwertung der eigenen Biografie lindern?
Bretschneier: Das Zukunftszentrum kann nicht alle Versäumnisse reparieren, aber immerhin einen Beitrag leisten. Wenn die eigene Biografie in ein Archiv aufgenommen wird, ist das ein Zeichen der Anerkennung. Wir werden ein Ort sein, an dem Verluste und Verwerfungen gesehen werden. Und wir werden uns aktiv in Debatten einbringen.
Ahoi: Eröffnet der Blick mit einer Generation Abstand neue Erkenntnisse?
Bretschneider: Auf jeden Fall. Zunächst einmal müssen wir darüber sprechen, wie wir die Zeit überhaupt nennen wollen. Es gibt keinen richtigen Epochenbegriff für die Zeit seit 1989 und keine zentralen Bilder. Manchmal bin ich überrascht, wie wenig Ost und West voneinander wissen. Es ist unsere Aufgabe, zu zeigen, wie massiv die Einschnitte waren. Wir müssen verdeutlichen, was noch fehlt auf dem Weg der Transformation. Zugleich will das Zukunftszentrum die Deutsche Einheit und all das feiern, was schon erreicht wurde.
Ahoi: Wie sieht die inhaltliche Arbeit jetzt aus?
Bretschneider: Wir befinden uns in der Werkstattphase, vernetzen uns und sind bereits auf vielen Festivals und Podien präsent. Aber die erste große eigene Veranstaltung, die wie ein Brühwürfel all die Aspekte enthält, die im Zukunftszentrum relevant sind, findet am 17. Oktober im neuen theater in Halle (Saale) statt. Im „Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ kommen etwa 90 Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen und Expertinnen und Experten für unterschiedliche Bereiche zusammen, um über wichtige Erfahrungen der Transformationszeit und Konflikte, die unter der Oberfläche schwelen, zu sprechen.