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„Eine großartige Chance“

Dr. Uta Bretschneider will mit dem Zukunftszentrum Transformationserfahrungen sichtbar machen © Oliver Zschau

Uta Bretschneider ist seit Mai Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Sie spricht über Wendeerfahrungen als Schatztruhe, den Wert des Zuhörens – und einen spektakulären Neubau.   

Ahoi: Seit Mai leiten Sie den Aufbau einer völlig neuen Institution. Wie geht es voran zwischen Erwartungsdruck und neuen Möglichkeiten? 

Uta Bretschneider: Es herrscht ein bisschen Start-up-Stimmung, obwohl wir eine Bundeseinrichtung sind. Diesen Geist zu entfalten, die immensen Gestaltungsspielräume verantwortungsvoll zu nutzen und die Institution mit Leben zu füllen, das ist eine großartige Chance. Wir werden zu einer Institution neuen Typs, was sich auch in einer einzigartigen Architektur spiegelt, die Menschen nach Halle (Saale) locken wird.  

 

Ahoi: Was zeichnet das Gebäude aus?

Bretschneider: Die Gebäudehülle soll wie eine Art Zelt wirken und eine einladende Leichtigkeit mit sich bringen. Gebaut wird nach höchsten Nachhaltigkeitsstandards. Im Haus wird Platz sein für Ausstellungen, Seminarräume und offene Treffpunkte mit hoher Aufenthaltsqualität für alle. Gastronomische Angebote gehören dazu. Ich freue mich schon auf die Dachterrasse mit Blick über die Stadt. 

 

Ahoi: Wie kann das Zukunftszentrum tatsächlich Neuland betreten? Über die Zeit nach der Wende wird seit Jahren geforscht, geschrieben und debattiert.
Bretschneider: Wir denken den thematischen Zuschnitt neu, weil wir einen langfristigen Blick auf das deutsch-deutsche Zusammenwachsen werfen, den Vergleich zu Ost-Mitteleuropa suchen und daraus Perspektiven für künftige Transformationen destillieren. Wissenschaft, Veranstaltungen und Dialog begreifen wir nicht getrennt, sie greifen in einem organischen Prozess ineinander. Und wir ermöglichen von Anfang an Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Transformationserfahrungen.


Ahoi: Wie sieht die Zusammenarbeit aus? 
Bretschneider: Ein Beispiel: Wir bauen ein „Archiv der Transformation“ auf, das ich als Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit betrachte. Es sammelt Geschichten von Menschen, die Transformation erlebt, durchlitten oder gestaltet haben. So füllt sich allmählich eine riesige Schatztruhe mit unterschiedlichen Perspektiven und Lebenswegen. Dabei geht es vor allem um die leisen Geschichten, die bisher überhört wurden. Es ist ein Weg, die Lebensleistung vieler Ostdeutscher in der Umbruchszeit zu beleuchten und sichtbar zu machen. 

Ahoi: Kann das gesellschaftlichen Frust über Erfahrungen wie Jobverlust oder die gefühlte Abwertung der eigenen Biografie lindern?
Bretschneier: Das Zukunftszentrum kann nicht alle Versäumnisse reparieren, aber immerhin einen Beitrag leisten. Wenn die eigene Biografie in ein Archiv aufgenommen wird, ist das ein Zeichen der Anerkennung. Wir werden ein Ort sein, an dem Verluste und Verwerfungen gesehen werden. Und wir werden uns aktiv in Debatten einbringen.
 

Ahoi: Eröffnet der Blick mit einer Generation Abstand neue Erkenntnisse?
Bretschneider: Auf jeden Fall. Zunächst einmal müssen wir darüber sprechen, wie wir die Zeit überhaupt nennen wollen. Es gibt keinen richtigen Epochenbegriff für die Zeit seit 1989 und keine zentralen Bilder. Manchmal bin ich überrascht, wie wenig Ost und West voneinander wissen. Es ist unsere Aufgabe, zu zeigen, wie massiv die Einschnitte waren. Wir müssen verdeutlichen, was noch fehlt auf dem Weg der Transformation. Zugleich will das Zukunftszentrum die Deutsche Einheit und all das feiern, was schon erreicht wurde. 

Ahoi: Wie sieht die inhaltliche Arbeit jetzt aus?
Bretschneider: Wir befinden uns in der Werkstattphase, vernetzen uns und sind bereits auf vielen Festivals und Podien präsent. Aber die erste große eigene Veranstaltung, die wie ein Brühwürfel all die Aspekte enthält, die im Zukunftszentrum relevant sind, findet am 17. Oktober im neuen theater in Halle (Saale) statt. Im „Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ kommen etwa 90 Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen und Expertinnen und Experten für unterschiedliche Bereiche zusammen, um über wichtige Erfahrungen der Transformationszeit und Konflikte, die unter der Oberfläche schwelen, zu sprechen. 

 

Ahoi: Wie läuft das ab?
Bretschneider: Es ist ein Format der Mobilen Akademie Berlin. Als Gast kann ich selbst in ein Gespräch eintreten oder per Kopfhörer über das Marktradio anderen lauschen. 150 Zwiegespräche sind geplant. So lassen sich an einem Abend viele individuelle Perspektiven erleben. 

 

„Schichtwechsel. Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“, am 17. Okt., 18.30 Uhr, neues theater Halle (Saale), mehr Infos unter zukunftszentrum.info/markt.

 

Dr. Uta Bretschneider ist seit 1. Mai Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Zuvor leitete die Kulturwissenschaftlerin und Soziologin sechs Jahre das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig. 

 

Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation

AUFGABE
Es beschäftigt sich in Wissenschaft, mit Kulturangeboten und Begegnungsformaten mit den gesellschaftlichen Prozessen seit 1989 und künftigen Transformationen. 

STANDORT
Halle (Saale) setzte sich 2023 im Standortwettbewerb gegen Frankfurt (Oder), Eisenach, Jena, Mühlhausen und Sonneberg sowie die gemeinsame Bewerbung von Leipzig und Plauen durch.

PROGRAMM
Bis zur Eröffnung des Hauses wird das Team aufgebaut. Das Programm findet während der „Werkstattphase“ an verschiedenen Orten statt. 

GEBÄUDE
2032 soll das Gebäude am Riebeckplatz in Halle (Saale) fertiggestellt werden.

MITARBEITENDE
Heute knapp 20, perspektivisch über 100 

 

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