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Echte Leipziger Rocker

Bassist Ingo Paul (2. v. l.) und die gesamte Rockbande „Four Roses“ © Schwede Photographie / Timo Schwede

Die Leipziger Rockhelden „Four Roses“ haben gerade ein neues Album herausgebracht. Darüber, und wie es sich rockt in Zeiten von Corona, befragte Ahoi-Redakteur Volly Tanner den Musiker Ingo Paul, der bei den Rosen den Bass und beim Side-Projekt „Take It Naked“ heimlich die Gitarre spielt.

Ahoi: Guten Tag, Ingo Paul. Du bist Bassmann bei den „Four Roses“, die gerade mit „Road Stamp“ ein feines, abwechslungsreiches Cover-Album hingelegt haben. Da sind echt fetzige Perlen drauf, besonders eure Rockversion von Depeche Modes „It´s No Good“ oder das Leonard Cohen-Cover überraschen. Das wievielte Album ist das denn eigentlich mittlerweile? Und wie sucht ihr die Stücke aus, die ihr (in der Regel) auf die Bühne und jetzt auf CD bringt?

Ingo Paul: Tja, das wievielte Album? Ich denke das Dritte, dazu kommen aber noch Demos und die EP „Unser Herz“…

Da wir demokratisch organisiert sind, bringt jeder seine Gedanken und Vorstellungen ein. Alle Stücke sollen insgesamt ein stimmiges Bild ergeben, immer schön rockig, niemals zu viel Pop oder Kommerz-Schnulzen. Vielen Stücken drücken wir dann unseren eigenen Stempel auf. Darum dauert ein Album manchmal auch etwas länger, bis wir uns geeinigt haben, sind dann aber auch zufrieden mit dem Ergebnis. Das betrifft die Auswahl der Songs für das Album genauso wie unsere Live-Setliste. Die gibt es allerdings meist gar nicht, da wir wie ein DJ schnell auf das Publikum reagieren und jeder Abend, Dank unseres großen Repertoires, anders gerät.

Das Publikum wollen wir immer auf unsere Seite bringen und das gelingt nur, wenn wir es nicht langweilen und mit Engagement unser Ding durchziehen. Ingo Paul

 

Ahoi: Du hast, das stand ja auch schon ausführlich in den Zeitungen, seit Corona etwas umgesattelt und fährst jetzt Menschen mit Behinderung in die Werkstätten. Wie kam es dazu? Und für wen arbeitest du da gerade? So etwas geht ja nicht freiberuflich.

Ich fahre für den Malteser Hilfsdienst. Das war nicht so geplant, kam durch einen Tipp von einer Freundin der Band, welche uns oft zu unseren Konzerten besucht, zustande. Ich hab mich tatsächlich auf 450 € –Basis anstellen lassen. Seit 1988 mein erster Arbeitsvertrag, das war schon ein seltsames Gefühl, da zu unterschreiben und angestellt zu sein.

 

Ahoi: Wie fühlt man sich als Bühnenrocker, der du ja bist, derzeit? Licht am Ende des Isolationstunnels scheint ja nicht wirklich.

Knapp zusammengefasst: schlecht.

 

Ahoi: Und deine Kollegen? Was machen diese, um durchzukommen?

Unser Schlagzeuger Henri Dassler hat zum Glück ein Angebot bekommen, den Onlineshop einer bekannten Firma zu entwickeln und zu betreuen. Unser junger Heißsporn an der Gitarre, Robert Simon, studiert zurzeit noch Jazzgitarre in Dresden und gibt online Gitarrenunterricht. Thomas „Rose“ Rosanski macht auch Diverses, um sich über Wasser zu halten.

Zum Glück gibt es durch das Internet die Möglichkeit für uns, online zu proben und an Songs zu basteln. Das machen wir mit mehr oder weniger Elan (lacht)…

Ahoi: Normalerweise vertreibt ihr ja euer Album über die Live-Gigs – wie macht ihr das jetzt?

Wir haben durch unser jahrelanges, intensives Touren in ganz Deutschland überall Freunde und Fans, die uns nicht aus den Augen verlieren. Wir versuchen übers Netz den Kontakt zu halten. Viele Leute haben unsere Online-Konzerte (z.B. Four Roses Live @ Nowhere 3 und 4) auf YouTube verfolgt, wo wir auch unser Album vorstellten. Bestellen kann man es auf unserer Facebook-Seite und auf unserer Homepage (www.fourroses.de). Davon machen die Leute auch Gebrauch. Ein Album von „ROAD STAMP“ ist sogar schon in den Vereinigten Staaten und eins in Australien gelandet.

 

Ahoi: Und gibt es irgendeine Bewegung bei deinem Sideprojekt „Take It Naked“?

Sabine (die Sängerin bei „Take It Naked“ – Anm. der Red.) hat ein perfektes Timing bei der Planung ihres Babys hingelegt und kann somit die Zeit wunderbar genießen. Auftritte verpasst sie jedenfalls keine. Wir haben ein kleines Video ins Netz gestellt, um nicht ganz aus der Übung zu kommen. Ein Stück, das früher mal Ines Paulke gesungen hat. „Hauch mir wieder Leben ein“ passt ganz gut in diese schwierige Zeit, dachten wir uns. Wir machen auf jeden Fall weiter und wollen damit wieder auf die Bühne.

 

Ahoi: Wie geht es weiter mit Dir als Musiker?

„Four Roses“ waren vor einem Jahr wunderbar im Rennen und der Tourkalender rappelvoll. Da wollen wir wieder hin! Ich hoffe, dass es bald wieder losgeht, „Four Roses“ geht immer vor. Ich selbst bin noch lange nicht fertig (lacht), übe fleißig Gitarre und natürlich auch Bass (was alleine allerdings manchmal etwas langweiliger, aber nicht einfacher ist). Suche und entwickle Songs, die ich gern spielen will. Ich habe für mich auch noch ein altes musikalisches Hobby wieder entdeckt, den Blues. Damit versuche ich, ein kleines Sideproject auf die Beine zu stellen. Einige Termine habe ich schon geplant…

 

Ahoi: Was sind deine ganz persönlichen Erkenntnisse aus Corona?

Die Zeit vor Corona war einfach wunderbar für uns. Wir konnten interessante Menschen kennen lernen, viele Künstler treffen und eine Menge bereichernde Gespräche führen. Ich habe die Zeit immer dankbar genossen und war mir immer dessen bewusst, dass wir mit unserem Tun privilegiert sind. Nicht finanziell, aber vom Glücksfaktor her.

Wir können mit unserer Musik vielen Menschen Freude und Mut machen und bekommen natürlich ein Feedback, was die wenigsten Leute für ihre Arbeit erfahren. Ingo Paul

Jetzt wird mir oft noch mehr bewusst, in welcher Falle viele Menschen stecken, tagtägliches Einerlei, ohne Höhepunkte oder besonderer Erfolge. Immer nur warten auf Feiertage oder den Urlaub. Das Gefühl kannte ich bisher so nicht. Zum Glück habe ich eine funktionierende Familie und liebe Menschen um mich herum… 

Langsam kommen mir die Bilder vor Corona vor, wie aus einem anderen Leben.

 

Ahoi: Wir drücken die Daumen und hoffen auf bessere Zeiten.

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