„Der Vergleich mit Reinhard Mey ehrt mich", sagt David Lübke – und klingt dabei so gelassen, wie seine Musik wirkt. Der 30-jährige Liedermacher gehört zu den spannendsten Stimmen der aktuellen Songwriter-Szene. Spätestens seit seinem Gewinn beim Preis der deutschen Schallplattenkritik wird der in Detmold geborene Musiker weit über die Szene hinaus wahrgenommen. Seit zwei Jahren ist Leipzig die Wahlheimat des Sängers und Songwriters. Am 21. November ist Lübke in der Moritzbastei live zu erleben.
Vom Geheimtipp zur gefragten Stimme
Seine Konzerte sind regelmäßig ausverkauft, sein Publikum wächst stetig – auf der Bühne ebenso wie im digitalen Raum. Auf TikTok erreicht er mit kurzen, authentischen Performances inzwischen auch eine neue Generation von Zuhörerinnen und Zuhörern. Auch innerhalb der Liedermacher-Szene bekommt er Rückenwind: So folgt ihm etwa Niels Frevert – dessen aktuelles Album heißt "Pseudopoesie" – auf Instagram, für viele ein klares Zeichen der Wertschätzung.
„Natürlich verfolge ich aus der Entfernung Davids Weg. Für mich verkörpert er den klassischen Liedermacher – klassischer geht's gar nicht", sagt Frevert dem Ahoi-Stadtmagazin.
Feinsinnig, nahbar und sprachlich präzise erzählt Lübke von den leisen Zwischentönen des Alltags. Nicht wenige sehen in ihm bereits eine Art Erben der großen deutschen Liedermacher-Tradition – und ziehen dabei auch Vergleiche zu Reinhard Mey. Mit solchen Einordnungen geht Lübke gelassen um. „Wader, Mey, Gundermann – ich liebe sie alle! Es ist die Kunst, mit wenigen Worten eine Geschichte zu erzählen. Es sind große Fußstapfen, aber ich trete gerne rein und schreibe neue Lieder für neue Zeiten", sagt er im Ahoi-Interview.
Lieder aus den leisen Momenten
Seine Inspiration findet der Sänger überall dort, wo sich das Leben verdichtet. Er beobachte aufmerksam, was um ihn herum geschieht, erzählt er. „Ich lasse das auf mich wirken, was in der Welt passiert. Im Großen wie im Kleinen." Manchmal werde ein Ort zum Ausgangspunkt eines Songs – etwa das „Café der Träumer". Ein anderes Mal ein Roadtrip nach Wien. Und dann wieder die großen Themen unserer Zeit: „Krieg und Frieden, gemeinschaftliches Miteinander, die Suche nach Glück." Für diese Momente sei er vorbereitet. „Ich habe immer ein Notizbuch dabei und fange die Bilder ein. Die Gitarre liegt meist auch nicht weit."
Dass seine Texte oft eine fast intime Nähe erzeugen, hat auch mit seiner Arbeitsweise zu tun. Themen würden selten geplant entstehen. „Wenn mir etwas begegnet, das mir bemerkenswert erscheint, schreibt sich die erste Zeile wie von selbst."
Es sei „der Glaube an ein gutes Leben, der mich antreibt", sagt Lübke. Unsere Träume, Hoffnung, Gerechtigkeit und Liebe – daraus entstehen viele seiner Lieder.
Text und Melodie entwickeln sich dabei meist gleichzeitig. „Meist kommen sie zusammen", sagt er schlicht – als sei ein Lied weniger Konstruktion als vielmehr ein Moment, der sich ereignet.
Der erste Funke
Der Weg zur Musik begann früh. Noch als Schüler sang Lübke seine ersten eigenen Lieder vor Freunden. Einer von ihnen sagte damals einen Satz, der hängen blieb: „Ey, wenn du genug Songs für ein ganzes Konzert hättest, ich würde kommen und sogar dafür Geld bezahlen!" In diesem Moment sei etwas zusammengekommen, erinnert er sich: „Ein Stück von sich selbst in die Welt zu geben und damit auf Anerkennung zu stoßen. Das kann das Feuer für ein ganzes Leben entfachen."
Entscheidenden Einfluss hatten auch amerikanische Folklegenden. Ein Musiklehrer stellte ihm damals Aufnahmen von Bob Dylan, Joan Baez und Pete Seeger vor. „Ich hatte sowas noch nie gehört und war total geflasht." Wenige Tage später kaufte er sich von seinem Taschengeld die erste Gitarre – der Anfang einer Laufbahn, die ihn heute durch ausverkaufte Clubs führt.
Es ist die Kunst, mit wenigen Worten eine Geschichte zu erzählen"
Die Kraft der kleinen Bühnen
Gerade diese kleineren Bühnen liegen ihm besonders am Herzen. „Ich mag die Nähe. Das Ins-Gespräch-Kommen." Nach Konzerten komme es oft zu intensiven Begegnungen mit Menschen aus dem Publikum. „Das ist total berührend, wenn sich Menschen öffnen und ihre Geschichte erzählen." Manchmal entstünden daraus sogar neue Songs.
Auch Lampenfieber kennt er – allerdings in einer Form, die ihn eher antreibt als bremst. „Hab ich selten", sagt er und lacht. „Eher eine nervöse Vorfreude, die mich beflügeln kann."
Leipzig als Ideenlabor
Seine Wahlheimat Leipzig spielt dabei eine wichtige Rolle. Musikerfreundinnen und -freunde hätten ihm die Stadt schmackhaft gemacht, erzählt er. Heute schätzt er vor allem ihre Vielfalt. Jeder Stadtteil habe einen eigenen Charakter. „Ich flaniere gerne durch die Parks, trinke Kaffee in einer kleinen Seitenstraße und lasse die Menschen und Architektur auf mich wirken." Besonders schön sei es, wenn die Stadt im Sommerlicht liege: „Besonders berauschend, wenn Leipzig von der Sonne durchflutet ist."
Bestimmte Orte, die seine Kreativität besonders anregen, behält er allerdings lieber für sich. „Die darf ich hier nicht verraten", sagt er schmunzelnd. Es seien persönliche Geheimtipps. Doch die Atmosphäre der Stadt insgesamt spiele eine große Rolle. „Das kreative und alternative Umfeld kann mich hier in einen inspirierten Geisteszustand versetzen." Manchmal beginne der Abend mit einem Kaffee auf der Karli, führe später ins UT Connewitz – oder in die Thomaskirche. „Manchmal lass ich mir dort von Orgeltönen die Seele streicheln."
Leipzig sei für ihn dennoch nicht einfach Ersatz für seine Herkunft. „Heimat bleibt Heimat", sagt er. Doch ein selbstgewählter Lebensort bedeute etwas anderes: „Du erschließt dir deine eigene Welt, betrittst unbekannte Pfade und lernst bewusst neue Menschen kennen." Für ihn sei Leipzig deshalb vor allem eines: „ein Ort der Ideen und Träume".
Ich möchte mit meinen Liedern Hoffnung bringen"
Ein Fenster für neue Lieder
Aktuell arbeitet Lübke an neuen Liedern für ein Album mit dem Titel „An meinem Fenster". Es soll bewusst einen Gegenpol zum glatt produzierten Pop-Mainstream setzen. „Akustikgitarren, Kontrabass, ein Streichquartett", beschreibt er den Klang. Dazu eine Lyrik, die „jenseits von gespielter Coolness den Kern des menschlichen Empfindens emporhebt".
Am 21. November steht er mit seinem aktuellen Album „Wo der Mond die Erde küsst" auch in Leipzig auf der Bühne: in der Moritzbastei.
Neue Wege will er auch auf der Bühne gehen. Während der Corona-Pandemie zog er bereits einmal auf ungewöhnliche Weise los: auf „Liedermacher-Walz". Als Konzerte abgesagt wurden, wanderte er sechs Monate lang mit seiner Gitarre durch Deutschland und Österreich. „Ich habe an den Haustüren der Menschen angeklopft, um für sie zu singen." Viele dieser Begegnungen hätten bis heute Bestand – manche der damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer säßen inzwischen bei seinen Konzerten im Publikum.
Hoffnung als Programm
Für die Zukunft wünscht er sich, seine Tourneen stärker nach Österreich und in die Schweiz auszuweiten. Die wichtigste Botschaft seiner Musik bleibt dabei unverändert. „Ich möchte mit meinen Liedern Hoffnung bringen", sagt David Lübke. In einer Welt voller Krisen brauche es genau das.
„Eine krisengeschüttelte Welt muss raus aus der Depression. Da glaube ich an die Kraft des Gefühls."
