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  • Stadtleben
Armut in einer boomenden Stadt

Armes Leipzig

Eine Seniorin vor der Tafel-Ausgabe in Lindenau © Niklas Wehling

Leipzig boomt, aber die Armut ist in der Messestadt weiter ein großes Problem. Rund jeder Fünfte ist armutsgefährdet, knapp 17.000 Kinder und Jugendliche leben in Bedarfsgemeinschaften.

Wer am Leipziger Hauptbahnhof ankommt, sieht die ersten Zeichen von Verelendung schon nach wenigen Metern. Wohnungslose und Junkies betteln vor den Eingängen, Flaschensammler durchsuchen Mülleimer nach Pfand. In einer Hausnische in der Nähe des Wilhelm-Leuschner-Platzes kauert Philipp, der seit mehr als zehn Jahren auf der Straße lebt. Er ist von Alkohol und Drogen gezeichnet. „Ich hatte einige Schicksalsschläge“, sagte der gebürtige Leisniger: „Danach bin ich abgestürzt.“

Sich nicht mal was gönnen können

Meist ist die Armut in Leipzig nicht so deutlich. Knapp 17.000 Kinder und Jugendliche lebten 2022 in sogenannten Bedarfsgemeinschaften mit Bürgergeld-Bezug. Das ist rund jeder sechste unter 18 Jahre. Für viele ist ein Urlaub, ein Theaterbesuch und selbst eine Kugel Eis nicht drin. Manche kommen hungrig in die Schule. Besonders alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sind weit überdurchschnittlich von Armut betroffen. „Nachzahlungen, Schulden, Sportschuhe für den Wettkampf des Kindes oder Ausgaben fürs Rauchen werden von den Bürgergeld-Regelsätzen gar nicht erfasst“, sagt Gudrun Dietz von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Leipzig. „Sich am Riemen reißen und sich nicht mal was gönnen können, und das dauerhaft – das ist das große Problem bei Armut.“

Vier volle Tüten für fünf Euro

Eine der Anlaufstellen für bedürftige Menschen ist die Leipziger Tafel. Der Verein verteilt seit 1996 für einen kleinen Beitrag Lebensmittelspenden, die zum Teil von Supermärkten stammen. Ausgabestellen gibt es in Leipzig und im Umland. „Die Rente ist gering. Seit Juli komme ich zur Tafel, aber nicht jede Woche“, sagt eine Seniorin, die mit dem Auto aus Lausen gekommen ist. Für fünf Euro darf sich die 73-Jährige einmal in der Woche je einen Einkaufsbeutel mit Obst, Gemüse, Brot und Brötchen sowie Milchprodukten füllen.
Kurz nach 12 Uhr öffnet die Ausgabestelle in Lindenau. Schon wenig später biegen Rentner mit Rollatoren, Familien mit Kinderwagen sowie junge und alte Männer mit leeren Taschen um die Ecke. „Ohne die Tafel würde es einigen Menschen noch viel schlechter gehen“, sagt die Leipzigerin. Sie habe schon zu Lebzeiten viel von ihrem Ersparten an die Kinder gegeben, sagt sie.

Westdeutsche Städte ärmer als Leipzig

Leipzig war bis vor rund zehn Jahren Armutshauptstadt Deutschlands. Inzwischen stehen Städte wie Bremen, Essen, Duisburg oder Dortmund viel schlechter da. Die Armutsgefährdung in der Messestadt lag 2023 bei 19,8 Prozent, der bundesdeutsche Durchschnitt bei 16,6 Prozent. Armutsgefährdet sind Menschen, die maximal 60 Prozent des Äquivalenzeinkommens zur Verfügung haben. Bundesweit sind das knapp 1.250 Euro oder weniger. „Zu uns kommen nach der Pandemie zunehmend Leute, die ein befriedigendes Einkommen haben, aber trotzdem in finanzielle Schieflagen geraten sind“, erklärt Gudrun Dietz von der Caritas. Clemens Bech, ihr Kollege und Leiter des Beratungszentrums mit 7.000 Klienten im Vorjahr, beobachtet mehr Menschen, die seit der Pandemie über psychische Probleme klagen. Das ist bei der Jobsuche hinderlich und erhöht das Armutsrisiko. 

Kirche und Vereine lindern die Not

Ohne kirchliche Organisationen wie die Caritas oder Vereine wie die Tafel und den Straßenkinder e. V. von Gabi Edler und viele mehr wäre die Not in Leipzig noch größer „Die letzte Rentenerhöhung war durch die Inflation wieder weg“, klagt die Seniorin vor der Tafel-Ausgabe in Lindenau. „Es müsste“, sagt sie, „noch viel mehr gegen Armut unternommen werden.“ [fri]

Zitat: „Ich hatte einige Schicksalsschläge. Danach bin ich abgestürzt.“ Philipp, Betroffener

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