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  • Literatur
Literaturworkshop mit Volly Tanner

Ahoi Leipzig unterstützt junge Menschen

Von links: Lara Männel, Volly Tanner, Benjamin Sanftleben, Ida, Anne Luise Zander © Carola Peifer

In der brütenden Hitze eines Spätnachmittags im Herzen des 2024er Augusts Markkleeberg zu bereisen, ist auch für einen Ahoi-Redakteur wie Volly Tanner ein faszinierendes Unterfangen. Schließlich wurde ihm von Carola Peifer (Gemeindepädagogin der Martin-Luther-Kirchgemeinde und Junge Gemeinde Markkleeberg-West) zum wiederholten Male zugerufen, dass da junge Menschen wären, die dem im Nebenberufszweig Schriftstellerei nicht ganz unerfolgreichem Tanner gern Informationen entziehen möchten. Also: Säckchen geschultert, Gedanken gemacht und auf, auf zum Literaturworkshop für knapp 30 faszinierend individuelle Persönlichkeiten.

In knapp zweieinviertel Stunden, die wie rasende Derwische fast atemlos vergingen, gab Tanner Tipps fürs Schreiben. Zuerst ging es darum, aus drei völlig spontan aus der Masse der Dinge herausgegriffene Begrifflichkeiten Poesie zu formen. Tanner suchte in seinem Rucksack und fand: eine vergilbte und durch jahrelange Nutzung auch schon etwas aus der Zeit gefallene Eieruhr, das Ladekabel seines elektronischen Endgeräts und ein klitzekleines Fläschchen, in dem mal ein Pfefferminzpflänzchen versuchte zu überleben – und scheiterte. Die jungen Leute machten sich Gedanken und scheiterten nicht, es gab richtig großartige Lyrik zu bestaunen.

Im zweiten Teil sollten die jungen Schreiberlinge eine Geschichte zu Ende schreiben: Ein Raumschiff segelte nach Proxima Centauri, ein Irgendetwas bollerte dagegen und machte alles kaputt, das Schiff strandete auf einem Planeten, war jedoch blind und taub, weil (wie schon geschrieben) kaputt und ein Zeitzähler tickte, leise nach unten, wobei niemand wusste, warum. Nun stellte sich die Frage nach dem: wie weiter? Oder: was nun? Besser: was tun?

Es wurde fleißig geschrieben, wobei für Tanner besonders interessant war, ob und wie die jungen Leute – und auch als was – die Situation erfassten und lösten. Schlussendlich wurden die 30 Jugendlichen in fünf Gruppen aufgeteilt – freiwillig – und jeweils eine Vertreterin oder ein Gruppenmitglied traten nach interner Beratung zum Poetryslam an. Wir als Ahoi Leipzig dürfen die Ergebnisse veröffentlichen!

Trommelwirbel! Applaus!

Anerkennung und ganz viel Hut ab für den Mut und die Ergebnisse:

 

Helene schrieb uns ein Gedicht:

 

Unaufhaltsam

Die Zeit fließt. 
Das Wasser fließt. 

Der Strom fließt.
Alles fließt. 

Alles ist 
bewegt. 

Alles ist 
unaufhaltsam.

 

Auch Ida schrieb ein Stück Poesie, welches sie beim Poetry Slam vortrug:

 

Die Eieruhr

Die Eieruhr, die stoppt nicht nur 
Die Zeit, sie ist viel mehr. 
Wurde immer nur darauf reduziert 
Nun ist sie deprimiert. 

Tag und Nacht am Ladekabel 
Kippt sie sich Flaschen in den Schnabel 
Denn, wer glaubt es wohl, 
Auch Eierwecker trinken Alkohol.

 

Benjamin Sanftleben als Vertreter der kommenden Männerwelt und von seinem Team auserkoren, den Slam zu bestreiten, las vor:

 

Das fallende Raumschiff

Es ist dunkel im Raumschiff. Ich kann nichts sehen. Was ist passiert?  Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich alles im Kreis dreht, auch wenn das bei diesen Lichtverhältnissen keinen Sinn ergibt. Die ersten Minuten bin ich zu überfordert und erschrocken von dieser Situation, um irgendetwas zu tun. Gedämpft höre ich durch meine Ohren ein lautes schrilles Heulen, welches von der Alarmanlage kommt. Menschen schreien. Wenn ich mich nicht täusche, suchen Kinder verzweifelt nach ihren Eltern und irgendwelche Notfallmeldungen, total übertönt durch die Menschenmenge, versuchen chancenlos, unseren Verstand zu erreichen. Mein Geist ist trübe und mir wird schwindelig. Stimmt, ich hatte geschlafen. Die Zeit scheint sich wie ein Schnips-Gummi in die Länge zu ziehen. Aber ich sehe es kommen, wie es nun mal bei einem Schnips-Gummi ist, dass alles sehr schnell vorbei sein wird. Denn, sobald der Gummi der Zeit losgelassen wird, ist alles in einer Sekunde vorbei. In einem Raumschiff gibt es nur einen guten Grund für Notfallmeldungen. Ein Absturz. Die Zeit wird sich bis zum Aufprall in die Länge ziehen und dann für tausende von Menschen enden.

Ich stehe von meinem Sitzplatz auf und schwanke hin und her, was einerseits am Schwindel liegt und andererseits am Raumschiff, dessen Untergang bevorsteht. Gäbe es keine Anziehungskraft vom Boden des Raumschiffs, würden wir vermutlich wild umherfliegen. Plötzlich packt mich eine Person und schon bin ich hellwach und verstehe den Ernst dieser Lage. Der Griff der Person lässt locker und der Unbekannte fällt zu Boden, was ich durch ein dumpfes Geräusch und durch die Vibration im Boden wahrnehmen kann. Wir werden hier sterben! Was war gerade mit dieser Person los? Keuchen und kreischen sowie qualvolle Schmerz- und Angstschreie hallen von überall durch das Raumschiff. Erst denke ich ja, die Leute hätten nur Angst wegen des Absturzes, aber sie hatten Schmerzen! Es ist schrecklich! Was ist hier nur los? Tierähnliche Schreie, wie von Aasgeiern, füllen das Zentrum. Panik pulsiert in meinem Körper. Werde ich hier wirklich sterben? Meine Familie nie wiedersehen? Dabei hatte ich es doch versprochen. Mir kommen die Tränen. So gehen Leben also manchmal zu Ende.

Ich taste mich an der Wand entlang, einfach, um nicht nur regungslos dazustehen. Die Wand ist kalt. Es ist beruhigend, sie zu berühren. Hier ist es ziemlich heiß und es scheint immer heißer zu werden. Die Luft wird ebenfalls immer dünner. Gerade will ich mir einreden, dass es doch Hoffnung gibt, da fällt wieder jemand neben mir, laut schreiend um. Etwas Warmes spritzt an meine Hand. Ich erstarre. Das ist ganz bestimmt nur eine Tasse Tee, die gerade fallengelassen wurde. Doch mein Gefühl und meine Augen sagen etwas anderes, als ich meine Hand näher an mein Gesicht halte. Es ist Blut. Ich kann meine Hand sehen, da sich direkt hinter mir ein flackerndes Notausgangsschild befindet. Wieder höre ich seltsame Laute. Was auch immer es ist, es ist gefährlich und wer hier verweilt, für den ist es vorbei. Wie um es mir zu verdeutlichen, blicke ich auf die blinkende, ratternde Uhr in der Mitte des Raumschiffs, deren Zeiger sich in rasender Geschwindigkeit rückwärts drehen. Die Zeiger sind vom rot blinkendenden Danger angeleuchtet. Warum drehen sie sich rückwärts? Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken! Ich muss etwas tun! Ich bin so einen langen Weg gegangen, um nun endlich das Weltall erforschen zu können. Wenn ich doch nur noch einen letzten Blick auf die Sterne werfen könnte. Oh. Das kann ich, aber es wird zu einhundert Prozent mein letzter Moment werden. Aber ist doch besser, als hier zu sterben, oder?

Dann mal los. Ich habe eine Idee. Beim Notausgang gibt es doch diese Hämmer, mit denen man die riesigen Fenster einschlagen kann. Der Notausgang ist direkt hinter mir. Schnell renne ich hin und hebe den Hammer vom Gestell. Da beißt etwas in meinen freien Arm. Es tut so weh, dass ich den Hammer fallen lasse. Ich beiße mir auf die Zähne. In meinem linken Arm steckt ein Stachel, vielleicht auch ein Zahn. Mein Körper brennt von oben bis unten. Nun bin ich mir sicher, dass diese Dinger auch noch giftig sind! Ich schnappe mir den Hammer, schlage um mich und treffe irgendwas. So schnell es geht, sprinte ich zum nächsten Fenster und werfe mich mit dem Hammer voran hindurch. Dann taumle ich in der stillen Kälte des Universums. Es ist so kalt. Ich bekomme keine Luft. Aber es ist auch so schön. Und so lächle ich mit einem schönen letzten Mal die funkelnden Sterne an. Es tut mir leid Mutter... Vater... Schwester...

Schon fast erstickt und erfroren sehe ich noch, wie das Raumschiff in einem Feuerball auseinanderfällt. Nun bin ich bereit. Ich will die Augen gerade schließen, da sehe ich ein rotes Blinken: Danger. Und da schießt mir ein Gedanke in den Kopf. Die Uhr hat sich rückwärts gedreht. Es ist zwar überhaupt nicht realistisch, aber jetzt bringt jeglicher Realismus auch nur noch Verderben. Die letzten Sekunden nochmal etwas auszuprobieren, schadet nicht. Also kann es sein, dass... die Zeit...

Durch die Explosion schießt die Uhr mit dem Danger-Schild auf mich zu. Ich passe den richtigen Moment ab, um aufzuspringen. Doch ich rutsche ab, kann mich aber noch am Zeiger festhalten. Ich werde mitgerissen, aber ich habe keine Kraft mehr, um mich festzuhalten. Komm schon! Mit aller Kraft ziehe ich meinen halbtoten Körper nach oben. Ich versuche, den Zeiger zurückzudrehen, aber es ist zu schwer. Ich nehme den Hammer und schaffe es, ihn unter die rasenden Zeiger zu klemmen. Arggh! Ich heble mit all meiner restlichen Kraft den Zeiger in die andere Richtung auf fünf Uhr. Denn das war die Zeit, bevor sich die Uhr rückwärts gedreht hatte. Nachdem ich aufgewacht bin, hatte der Zeiger erst begonnen, sich rückwärts zudrehen. Ich erinnere mich nur noch vage daran, dass es fünf Uhr war. Nichts passiert. Vielleicht war es doch sechs Uhr? Doch dann sehe ich eine Sternschnuppe vorbeirasen. Und eine mysteriöse Stimme flüstert: „Danke." Und plötzlich, urplötzlich sitze ich bei meiner Oma am Küchentisch, mit einem Keks in der Hand und frage mich, was passiert ist.

 

Lara Männel entwickelte folgende Geschichte:

 

Das Raumschiff

Keine Ahnung, was passiert ist.
Ich weiß nichts mehr, nicht, wie lange ich hier sitze, nicht, wie ich hier gelandet bin, nicht, warum ich überhaupt in dieses Raumschiff gestiegen bin.

Ich glaube, ich kann noch nicht mal sagen, wer ich bin, wie alt ich bin oder wie mein Name lautet.
Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich hier sitze, in diesem Raumschiff, zusammengekauert, in einer Ecke, die Augen starr auf die tickende Uhr, mit der rot aufleuchtenden Schrift „Danger", gerichtet. Nicht fähig, mich zu bewegen.

Am Rande bemerke ich das Durcheinander um mich herum.
Stangen, die aus dem Boden ragen, Kabel, die von der Decke hängen, Menschen, die umherrennen und sich aufgebracht unterhalten.

Eine Gruppe von Menschen streitet sich darüber, bespricht, was jetzt getan werden soll, aber ich kann der Diskussion nicht folgen.
Irgendwer schreit etwas, es hört sich an wie „Wir sind alle verloren", aber die Bedeutung dieser Worte kommt nicht bei mir an.
Weiterhin starre ich nur auf die tickende Uhr. Irgendwo ganz weit hinten in meinem Kopf schreit eine Stimme mich an:

„Bewege dich!"
„Sitz nicht nur so da!"
„Steh auf!"
„Tu etwas!"

Aber selbst, wenn ich gewollt hätte, ich hätte nicht aufstehen können.
Das Chaos um mich herum wird immer größer, die Uhr tickt immer schneller, die rote Schrift wirkt immer bedrohlicher.
Noch drei Sekunden.
Zwei Sekunden...
Eine Sekunde....

Plötzlich bleibt die Zeit stehen, es wird still um mich.
Ich starre immer noch auf einen Monitor, nur ist es nicht der gleiche wie noch vor ein paar Minuten.
Ich bin auch nicht mehr in diesem Raumschiff, stattdessen stehe ich in einem Raum.

Er wirkt kühl, das Einzige, was neben mir in diesem Raum ist, ist ein Bett. Eine Person liegt darin, mehrere Schläuche und Kabel führen von der Person zu einem Gerät.
Das Gesicht der Person ist eingefallen, nur ganz leicht sieht man, wie sich der Brustkorb hebt und senkt.
Ein gleichmäßiges Piepen ertönt von dem Gerät, auf dessen Monitor eine sich auf und ab bewegende Linie befindet.

Das Geräusch wird immer lauter und der Ton zieht sich immer länger, bis nur noch ein langer Ton zu hören ist und eine gerade Linie auf dem Monitor erscheint.
In diesem Moment fällt es mir wieder ein: Diese Person da im Bett ist meine Schwester, sie ist vor einem Jahr an Krebs gestorben. Mit ihrem Tod brach meine Welt zusammen; als ich von der Mission erfuhr, nutzte ich die Chance, mit dem Raumschiff von der Erde und vor meiner Vergangenheit zu flüchten.

Ein Meteor krachte mit uns zusammen, wir stürzten ab und landeten auf diesem Planeten, über den wir nichts wissen.
Und nun sitze ich hier gefangen in meiner Vergangenheit und starre wieder hilflos auf einen Monitor.

0 Sekunden.
Die Uhr stoppt.
Stille....
Nichts passiert.

Und dann läuft alles ganz schnell. Ich stehe auf.
Laufe los. Auf den Monitor zu.
In meinem Kopf glaube ich die Stimme meiner Schwester zu hören: „Ja, bewege dich!"
„Lebe im Hier und Jetzt! Lebe für mich mit!"
„Du hast die Chance, zu leben, ergreife sie!"

Ich bin am Monitor angekommen und nehme mir ein abgebrochenes Stück Metall.
Es glänzt in meiner Hand.
Ein stechender Schmerz.
Ein roter Schleier zieht sich über das glänzende Metall. Alles verstummt, der Schmerz der Vergangenheit, die Stimme in meinem Kopf, die Schuldgefühle.
Endlich.
Endlich habe ich meinen Frieden.

 

Und schlussendlich legte Anne Luise Zander nach mit:

 

14 Uhr 12

01...02...03...
Der Zeiger tickt, ganz unermüdlich,
auf meiner alten, verruchten Eieruhr.

07...08...09...
Noch zwei Minuten – dann kann ich loslassen.
Den Schmerz, die Trauer,
aber niemals die Erinnerung.

13...14...15...
Ich betrachte das kleine Fläschchen in meiner Hand.
Sehe den Zettel, den ich darin versteckt habe,
mit der Nachricht, die dort steht.

22...23...24...
Ich fühle mich allein, an diesem See, auf diesem Steg.
Bin es und bin es nicht.

29...30...31...
Ich krame in meiner Tasche.
Schlüssel, Ladekabel, Portemonnaie.
Da! Da ist es, das Herz aus Holz.

Stille.
Ohrenbetäubend laut und doch so leise.

14 Uhr 14
Ich lasse die Flasche ins Wasser gleiten
und lasse los.

Beeindruckend! Es ist immer eine Freude, junge Menschen zu erleben, wenn sie sich schreibend ausleben. Schreiben gehört zum Denken. Denken gehört zum Leben. Und die jungen Menschen haben die Zukunft unseres Planeten in der Hand. Unterstützen wir sie nach Kräften.

Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
https://www.martin-luther-kirchgemeinde.de/

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