Das Alte Ägypten gilt als eine der ersten Hochkulturen. Nicht nur Architektur und Kunst erlebten eine erste Blütezeit – am Nil steht ebenso die Wiege unserer Verwaltung. Billy Böhm vom Ägyptologischen Institut der Universität Leipzig zieht Vergleiche zur Gegenwart und erklärt im Interview, warum er seinen kommenden Vortrag mit „Passierschein A38“ überschrieben hat.
Der Passierschein A38 aus einer Episode von „Asterix und Obelix“ gilt als Synonym für eine undurchschaubare, hermetische Verwaltung. Warum nennen Sie Ihren Vortrag am Ägyptischen Museum so?
Da ich an der Universität für die Studienverwaltung zuständig bin, geht es mir wie vielen, die täglich mit Verwaltungshandeln zu tun haben. Manchmal könnte es leichter laufen oder anders formuliert: Manchmal habe ich das Gefühl, bereits den einen oder anderen Passierschein A38 beantragt zu haben. Während meiner Dissertation, in der ich mich mit der Altägyptischen Verwaltung beschäftigt habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es damals ähnlich aussah – so weit wir dazu Quellen haben. Aber um nicht gleich ein negatives Bild aufkommen zu lassen: Die Schrift wurde wohl erst entwickelt, um verwalten zu können. Die ersten Schriftzeichen wurden an Gefäßen angebracht, um Inhalt und Menge zu benennen. Die Erfassung von Nahrungsmitteln war wichtig, um zum Beispiel über die Vorräte für Krisenzeiten informiert zu sein.
Wenn Sie von Ähnlichkeiten sprechen, was meinen Sie? Gab es auch schon einen Paragrafen-Dschungel?
Da sind wir schon bei den Quellen. Es existieren keine Verwaltungshandbücher. Wir müssen uns auf die Ergebnisse von Verwaltungshandeln stützen, etwa auf Listen, die darüber Auskunft geben, wer wie viel Getreide bekam. Bezahlt wurde in Naturalien. Das ist dröge zu lesen, aber darin liegt ein Ansatz, um zu rekonstruieren, wie das System abgelaufen ist.
Nämlich?
Theoretisch war es so, dass alle Ernten vom Staat eingezogen und zentral gelagert wurden, um dann nach einem bestimmten Schlüssel verteilt zu werden. Wie das faktisch aussah, können wir nicht sagen. Aber es muss, um das agrarisch geprägte Land so verwalten zu können, einen großen Beamtenapparat gegeben haben. Dafür spricht auch, dass es sehr viele Titel gab, wie etwa „Vorsteher der Scheunenverwaltung“. Da folgt aber das nächste Problem: Wir wissen nicht genau, was diese Titel bedeuteten. Es scheint wie einst in den deutschen Fürstentümern eine Art Titel-Inflation gegeben zu haben.
Lässt sich sagen, wie groß der Beamtenapparat im Verhältnis zur Bevölkerung war?
Nein, auch weil wir von 3000 Jahren Menschheitsgeschichte sprechen, in denen sich das Land oft verändert hat. Die ersten Quellen zur Verwaltung liegen aber erst ab der 6. Dynastie, so ab 2300 v. Chr., vor. Da waren die großen Pyramiden schon gebaut.
Wie sind die Menschen in einer agrarisch geprägten Gesellschaft mit der Verwaltung in Kontakt gekommen. Gab es für die Alten Ägypter Passierschein-A38-Momente?
Dafür gibt es vereinzelt Belege. Ein Vorarbeiter beschwert sich beim Wesir, dass er seit einer Woche in der Residenz warte, um die Kleidung für seine Arbeiter entgegenzunehmen. Er erklärt, dass sich die Arbeit dadurch schon um eine Woche verzögert hat. Das zeigt, dass nicht alles glatt lief.
Wie sind die einfachen Leute, die Bauern, mit der Verwaltung in Berührung gekommen? Sie mussten keine Nummern im Bürgeramt ziehen.
Die Mehrheit lebte in Dörfern, wo vieles vom Ältestenrat geklärt wurde. Ansonsten kam die Verwaltung eher zu den Menschen, um, wie wir heute sagen würden, Steuern einzuziehen. Bis etwa 2200 v. Chr. erschien alle zwei Jahre ein Beamter im Dorf und stellte Listen auf. Anhand der Größe des Feldes bestimmte er, wie viele Liter Getreide eingezogen wurden. Das lief wenig zimperlich ab. Ägypten funktionierte als totalitärer Staat mit dem Pharao an der Spitze. Zugleich war der Korruption Tür und Tor geöffnet, da nur der Beamte lesen und schreiben konnte.
Gibt es Belege für die Korruption?
Wir haben im Museum den Beleg einer Beschwerde. Arbeiter beschwerten sich, dass ihre Rationen kleiner geworden waren. Tatsächlich kam ein Kontrolleur aus der Hauptstadt und stellte fest, dass das Scheffelmaß manipuliert war. Das musste korrigiert werden, es erfolgte aber keine Strafe, was ein typischer Vorgang war im Alten Ägypten. Man folgte dem Prinzip Ma’at. Das bedeutete, die Ordnung wieder herzustellen. Damit war die Angelegenheit bereinigt. Anders war es, wenn sich das Verbrechen gegen den Staat wendete, etwa bei Grabräuberei im Tal der Könige. Dann erfolgten drakonische Strafen. Damit bewegen wir uns auf das Feld des Rechts, das auch von normalen Menschen geschickt angewendet worden zu sein scheint. Ein Papyrus belegt, dass ein Mann seine Frau adoptierte. Wir gehen davon aus, dass es ein juristischer Kniff war, um ihr das Erbe zukommen zu lassen. Denn nach aaltägyptischer Erbregelung wurden die Kinder gegenüber dem Ehepartner bevorzugt.
Sie haben einen totalitären Staat skizziert mit einem Pharao an der Spitze und Ältestenräten im dörflichen Kontext. Gab es Institutionen dazwischen?
Ähnlich wie die Klöster im europäischen Mittelalter dienten die Tempel sowohl der lokalen Verwaltung als auch dem Kult. Die sakrale und weltliche Sphäre überlagerten sich. Gerichtssitzungen fanden an Tempeleingängen statt. Die Tempel lehrten Lesen und Schreiben. Auch der Kult, wie er betrieben wurde, setzte eine funktionierende Verwaltung voraus. Damals wirkten Laienpriester, sogenannte Phyle, die für drei Monate Tempeldienst leisteten und dafür entlohnt wurden. Traten sie ihren Dienst an, listeten sie haarklein Kultgeräte auf und beschrieben, was fehlte oder beschädigt war.
Vortrag: „Die Mühlen der altägyptischen Verwaltung“, Uni-Campus Augustusplatz, Hörsaal 4, 9. Okt., 18.15 Uhr. Mehr Infos unter www.gkr.uni-leipzig.de/aegyptisches-museum/


