RB Leipzig schloss die letzte Saison als Dritter der Fußball-Bundesliga ab. Trainer Ole Werner führte die Sachsen mit 65 Punkten zu einer der besten Spielzeiten der jungen Vereinsgeschichte. Trotzdem musste der Norddeutsche im Sommer überraschend gehen. Martín Demichelis heißt der neue Mann auf der Bank. Auch im Kader fand ein Umbruch statt: Die Führungsspieler Péter Gulácsi, Xaver Schlager und Shootingstar Yan Diomande verließen den Verein. RB startete im DFB-Pokal in Trier mit einem 6:0 in die Spielzeit 2026/27. In der Liga steigt der Auftakt am Samstag (15.30 Uhr) gegen Borussia Mönchengladbach. Sechs Thesen, warum RB vor einer schweren Saison stehten könnte.
Trainer unter Druck
Martín Demichelis folgt – vor allem auf Betreiben von Ex-Red-Bull-Fußballchef Jürgen Klopp – nach einer der besten Saisons der Vereinsgeschichte auf Ole Werner. Werner wurde im Sommer stillos vom Hof gejagt, obwohl er sich durch den Wiedereinzug in die Champions League mindestens ein zweites Jahr verdient hatte. Für Demichelis ist RB die erste Champions-League-Station als Trainer. Davor arbeitete er bei CA River Plate (Argentinien), CF Monterrey (Mexiko) und dem spanischen Erstligaabsteiger RCD Mallorca.
Bei RB ist der Druck ungleich größer. Der Ex-Bayern-Profi muss die von den Red-Bull-Bossen geforderte aggressivere Pressing-Idee umsetzen, einen großen Kaderumbruch moderieren und sich erneut für die Champions League qualifizieren. Über allem steht die Frage, ob Werners überraschender Rausschmiss nicht doch ein Fehler war. Die Vorbereitung verlief holprig, der Saisonstart mit 6:0 im DFB-Pokal gegen Trier aber nach Maß.
Achse weggebrochen
Péter Gulácsi, Xaver Schlager, Yan Diomande: Bei RB brach im Sommer mit Ex-Kapitän Gulácsi im Tor, Mittelfeld-Energizer Xaver Schlager und Offensiv-Star Yan Diomande eine ganze Achse weg. Besonders der Wechsel Diomandes zu Real Madrid, den der Klub gern noch ein Jahr länger gehalten hätte, schmerzt. Seine unnachahmlichen Qualitäten im Eins-gegen-eins und seine 23 Scorerpunkte – zweitbester Wert nach Christoph Baumgartner – werden vermisst. Der Ursprungsplan war, dass Gulácsi hinter der neuen Nummer eins Maarten Vandevoordt weiter Einsätze bekommt und Diomande noch ein Jahr bei RB bleibt. So fiel der Sommer-Umbruch größer aus als von den Verantwortlichen gewünscht. Neue Hierarchien und Abläufe müssen sich erst noch einspielen. Weiteres Problem: Mit Topscorer Christoph Baumgartner und Mittelfeld-Star Assan Ouédraogo fehlen zwei Stützen des Teams noch lange mit Verletzungen.
Transfersommer mit Tücken
Der RB-Transfersommer war von einigen Fehlschlägen gekennzeichnet. Der Wechsel von Angreifer Fisnik Asllani von der TSG Hoffenheim scheiterte wegen medizinischer Bedenken. Shootingstar Said El Mala entschied sich dafür, doch beim 1. FC Köln zu bleiben. So holte RB den Ex-Leipziger Christopher Nkunku vom AC Mailand zurück. Rocco Reitz, Abdoul Koné und Brajan Gruda heißen die anderen wichtigen Zugänge. Der Kader ist mit 32 Spielern weiterhin viel zu groß. So gelten unter anderem Arthur Vermeeren, Eljif Elmas, Lukas Klostermann, El Chadaille Bitshiabu und Conrad Harder als Abgangskandidaten. Sollte sich nicht für alle ein Abnehmer finden, geht RB mit potenziellen Unruheherden in die neue Bundesliga-Saison.
Risiko Nkunku
Der 28-Jährige ist wahrscheinlich der beste Spieler, der jemals das RB-Trikot getragen hat. Der Franzose stand 2020 unter Julian Nagelsmann im Champions-League-Halbfinale, gewann mit Leipzig 2022 und 2023 den DFB-Pokal und schoss 70 Tore (plus 56 Vorlagen) für die Sachsen. Allerdings spielt der Fußballer des Jahres 2022 nicht mehr auf dem Niveau von einst.
Für Mailand kam er vergangene Saison nur auf sieben Tore in 34 Spielen. Dennoch werden im Angriff alle Augen auf Nkunku gerichtet sein. Wenn er die Erwartungen als Diomande-Ersatz nicht erfüllt, hat RB ein Problem. Geht diese Rückholaktion – genau wie bei Timo Werner – schief, kann der Klub zumindest schnell die Reißleine ziehen. Nkunku ist zunächst nur für ein Jahr ausgeliehen.
Dreifachbelastung trifft Unerfahrenheit
Nach einem Jahr ohne Champions League hat sich RB wieder für die Königsklasse qualifiziert. Und dort ist es das Mindestziel, die Ligaphase zu überstehen. Doch die Dreifachbelastung könnte zum Problem werden, unter dem auch die Ziele in der Bundesliga und im DFB-Pokal leiden. Nur sieben RB-Spieler haben mehr als zehn Einsätze in der Königsklasse auf dem Konto. Es wird eine schwierige Balance für Trainer Demichelis zwischen großen Erwartungen, der Entwicklung der Mannschaft und der notwendigen Rotation, um Kräfte zu schonen.
Umfeld als Unruheherd
Demichelis steht von Anfang an unter Beobachtung. Wie schnell werden die Fans den langjährigen Bayern-Profi ins Herz schließen? Sein Vorgänger Ole Werner stieß zunächst auf Skepsis, überzeugte dann viele Anhänger durch seine unaufgeregte Art, seinen trockenen Humor und seine erfolgreiche Arbeit. Dass er RB nach den XXL-Abgängen von Xavi, Benjamin Šeško und Loïs Openda wieder in die Champions League führte, war keine Selbstverständlichkeit. Dementsprechend waren die Reaktionen nach der stillosen Entlassung bei vielen Anhängern verheerend. Sollte Demichelis den Ligastart verpatzen, dürfte die Stimmung an der Basis schnell kippen. Die ersten drei Spiele bestreitet Leipzig gegen Gladbach (29.8.), Bremen (5.9.) und den HSV (13.9.). Duelle, in denen RB auf de Papier klar im Vorteil ist.


