• Interviews
Im Interview: Dr. Frank Amey, Leiter des Amts für Wohnungsbau und Stadterneuerung Leipzig

Der Wind wird rauer in der Stadt

Dr. Frank Amey ist Amtsleiter im Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung © Frank Amey privat

Stadtentwicklung war in Leipzig schon vor Corona ein Streitthema. Die Pandemie verschärft jedoch Unstimmigkeiten und legt Probleme bloß. Um Antworten auf Fragen zur weiteren Entwicklung Leipzigs zu bekommen, befragte Ahoi-Redakteur Volly Tanner den Amtsleiter im Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung, Dr. Frank Amey, der auch ausführlich Rede und Antwort stand. Schließlich ist er der Mann an vorderster Front. Ein hochinteressantes, etwas langes, aber dafür wegweisendes Interview – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ahoi: Guten Tag, Herr Dr. Amey. Sie sind der Leiter im Leipziger Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung und haben damit vor genau zwei Jahren Karsten Gerkens beerbt, der Leipzig in seiner Entwicklung prägte, hinaus aus den Zeiten der Schrumpfung. Wie groß waren die vorgefundenen Schuhe, in die Sie schlüpfen mussten?

Bereits lange vor meinem Amtsantritt im Jahr 2019 kannte ich die Arbeit des Amtes sowie die Stadt sehr gut. Über das einigen bekannte Leipziger Veranstaltungsformat „Hot Spots der Stadtentwicklung“, das seit den frühen 2000er Jahren eine Kooperation zwischen dem Institut für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft (ISB) der Uni Leipzig und der Vereinigung für Stadt-, Regional und Landesplanung war und bis heute ist, traf ich auf Leute, die entweder selbst im damaligen Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung arbeiteten bzw. damit verbunden waren.

Vor dem Hintergrund, dass meine eigene Ausbildung zum Stadtplaner den Schwerpunkt in der Bestandsentwicklung hatte, interessierten mich die Leipziger Ansätze. Und auch deshalb, weil ich ein eigenes Planungsbüro hatte und schrumpfende Kommunen beraten habe. Zudem war es stets ein sehr schöner und kollegialer Austausch. Die Zeit ab 2009 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISB war noch einmal sehr lehrreich, um die schrumpfende Stadt Leipzig und die planerischen Lösungsansätzen kennenzulernen, zumal wir auch in unserem Aufbaustudiengang „Urban Management“ einen starken Austausch zwischen Stadtverwaltung und berufserfahrenen Studierenden hatten. Eine meiner heutigen Abteilungsleiterinnen und auch der Leiter des Amtes für Gebäudemanagement waren Absolventen dieses Masterstudiengangs. Somit bin ich mit meinem Amtsantritt in einer Umgebung angekommen, die sich nicht fremd anfühlte.

Zudem war im AWS mit meinem Dienstbeginn gerade ein Umstrukturierungsprozess vollzogen worden, der zum einen das Referat „Digitale Stadt“ unter der Leitung meiner ehemaligen Kollegin am ISB, Dr. Beate Ginzel, hervorbrachte und zum anderen die Abteilungen inhaltlich und personell neu ausrichtete. Das Amt hatte sich sozusagen an die neuen Aufgaben der wachsenden Stadt anpassen müssen und zugleich sind die erfolgreichen Stadtsanierungsprojekte zu Ende zu bringen bzw. Schwerpunktgebiete der Stadterneuerung werden jetzt weitestgehend aus einer Hand bearbeitet.

Heute benötigt Stadterneuerungsarbeit mehr denn je, aufgrund seines integrativen Ansatzes mit dem Hintergrund des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes unterschiedliche Fachexperten aus vielen Professionen. Das war in der Vergangenheit in Leipzig schon so und war auch immer eine geschlossene Mannschaftsleistung, die sich für den sehr beachtlichen Erfolg verantwortlich zeichnet. Und es muss auch weiter so bleiben, um die bereits trainierten, wie auch neu zu erlernten Aufgaben, gerade bei der Umsetzung des wohnungspolitischen Konzeptes (WoPoKo) zu lösen.

Es ist nach meinen Vorstellungen von Führung zeitgemäß, das die vier Abteilungen des AWS sich selbst organisieren, größtenteils eigenverantwortlich arbeiten und untereinander abstimmen. Der Amtsleiter wird dadurch aber noch lange nicht überflüssig. (Lacht) Ich habe auch Aufgaben und kann einen wichtigen Teil dazu beitragen, dass die gemeinsame Arbeit erfolgreich und reibungslos abläuft.

Die sehr intensiven Debatten in den Fachausschüssen des Stadtrates haben mir zudem gezeigt, dass es immer wieder wichtig ist, die stadtplanerischen und verwaltungsrechtlichen Dinge auch von Grund auf zu verstehen. Daher bin ich auch immer wieder gern vor Ort in unseren Gebieten und spreche mit Anwohnern und lokalen Akteuren oder auch mit unseren Gebietsverantwortlichen. Oder auch in den Stadtbezirksbeiratssitzungen, sofern es mein Terminkalender zulässt.

Dahingehend ist es für meine eigene Denkhaltung gerade bei strategischen Ansätzen für unsere amtsinterne Förderpolitik wichtig, die Situation vor Ort und die Muster von unseren eigenen Anstrengungen und Fehlern zu kennen. Inwiefern sich das von vorherigen Arbeitsweisen meines Amtes unterscheidet, können sicherlich andere besser beurteilen als ich.

Im Übrigen treffe ich Herrn Gerkens sehr regelmäßig als Leiter des Urban Netzwerk des „Deutschen Verbandes für Wohnungswesen“. Leipzig engagiert sich durch meine Person weiterhin in diesem Städteverbund rings um die Themen der Projektumsetzung in den Europäischen Strukturfonds.

 

Ahoi: Welche Aufgaben betreut das Amt derzeit? Das Wachstum kann ja nicht immer nur weitergehen, da muss doch auch mal erhalten werden und „Stadterneuerung“ heißt doch bestimmt nicht nur „Alles NEU!“.

Die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in den letzten Jahren sind sehr beeindruckend. Die am schnellsten wachsende Stadt in Deutschland ist Leipzig. Aber sie war auch schon mal wesentlich größer. Die Bevölkerungsvorausschau zeigt ein starkes Wachstum von nunmehr 605.407 Einwohnern. Ende 2020 ist laut der kommunalen Statistiker in verschieden Szenarien ein weiterer Anstieg zu erwarten. Und auch im Grundstücks- und auch Wohnungsmarktbericht zeigen viele Indikatoren das Wachstum und die Folgen durch Preissteigerungen an.

Auf der einen Seite werden Häuser instandgesetzt und neu errichtet und auf der anderen Seite entstehen für bestimmte Bedarfsgruppen Lücken im Wohnungsmarkt. Das Angebot wird kleiner und die Nachfrage steigt. Erst durch genaue Recherche und Beobachtungen ergibt sich ein qualitatives und quantitatives Bild, dass neben den Mechanismen des Marktes eine behutsame Intervention des Staates und der Stadt erfordert, um eben gerade dort zu unterstützen, wo der Markt versagt.

Das WoPoKo ist dann unser Instrumentenkoffer für die Schaffung bezahlbaren Wohnraums und gibt uns für das notwendige Verwaltungshandeln den Rahmen, der die Rolle des fürsorgenden Staates für Bedarfsgruppen definiert. Das Stadtplanungsamt und das Sozialamt sind hier in unterschiedlichen Rollen gleichermaßen beteiligt. Neben der Wohnungsbauförderung selbst hat die Stadt u. a. zum bezahlbaren Wohnen eigene Förderrichtlinien und eine weitere für Menschen mit Behinderung soll jetzt noch den Stadtrat passieren. Das AWS hat also viele neue Aufgaben umzusetzen. Da will ich das gewichtige Thema der Sozialen Erhaltungssatzungen nicht unerwähnt lassen.

Was wir auch gerade auf den Weg bringen sind sog. Konzeptvergaben. Also in Erbbaurecht vergebene Immobilien, wo die Stadt gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung proaktiv betreibt. Es geht in einem neuartigen Vergabeverfahren also darum, dass zivilgesellschaftliche oder soziale Akteure eine Chance zur Baulandentwicklung erhalten sollen. Hier arbeiten wir im Bestand und erreichen damit, dass sich Nutzungen entwickeln, die bisher fehlten. Das Kino der Jugend, in der Eisenbahnstraße 162 im Ortsteil Volkmarsdorf, soll bspw. eine neue sozial- und teilhabeorientierte Einrichtung mit vielfältigen, bürgernahen Angeboten werden. Eine Lücke in der Stadtteilentwicklung kann hier durch die IG Fortuna gefüllt werden, die gerade den Zuschlag dafür bekommen hat. Aber erst einmal muss das Haus von Grund auf saniert werden. Darum kümmert sich auch unser Amt.

Wie auch um die die Feuerwache Ost in der Gregor-Fuchs-Straße in Anger-Crottendorf. Hier soll ebenfalls durch Konzeptvergabe ein Nachbarschaftszentrum entstehen. Für das Grundstück des Gewölbekellers in der Zschocherschen Straße 12 läuft gerade in Lindenau eine Konzeptvergabe. Ziel des Verfahrens ist hier die denkmalgerechte Sanierung des Objektes sowie die dauerhafte Nutzung als gastronomische und kulturelle Einrichtung. Es besteht zusätzlich die Möglichkeit zur Umsetzung weiterer Nutzungen, so zum Beispiel der Schaffung von Sozialwohnungen. Darüber hinaus gibt es auch aktuell und in Zukunft Konzeptvergaben für Wohnbaugrundstücke. Hier ist es möglich, dass durch Zusammenschluss mehrerer Interessenten zu einer Planungs- und Baugemeinschaft, selbstgenutzter Wohnraum geschaffen werden kann. Alle Informationen zu den Konzeptvergaben stehen auf der städtischen Webseite.

Und in der Tat liegt unser Arbeitsschwerpunkt weiterhin in der Erneuerung der bereits gebauten Stadt. Hier machen uns im Stadtgebiet insgesamt ca. 12.000 leerstehende Wohneinheiten immer noch große Probleme. Und insbesondere dort, wo wir wissen, dass nicht ganz wenige Eigentümer Spekulation mit ihren Häusern betreiben. Bei vielen brach liegenden Wohnbauflächen ist es das Gleiche. Die zwischen verschiedenen Ämtern agierende AG Verwahrloste, die unser Amt moderiert hat und aus einer Zeit stammt, als in der Eisenbahnstraße die Fassaden von verwahrlosten Gebäuden auf die Straße kippten, bezeichnet diese Problemfälle als Bodensatz, an den wir mit den bisherigen Instrumenten der aktivierenden Eigentümermobilisierung nicht herankommen.

Zum Glück unterstützt uns bei dieser Herkulesaufgabe die Politik mit unserem Vorhaben sog. Modernisierungs- und Instandsetzungsgebote als Verwaltungshandeln umzusetzen. Einfach ist das nicht. Denn immerhin hat der Eigentümer ein Übernahmeverlangen für sein Gebäude, wenn er die Refinanzierung einer Inwertsetzung des Gebäudes nicht wirtschaftlich darstellen kann. Die aktuellen Preise für Verkauf oder Vermietung lassen uns jedoch guter Dinge sein, dass die Stadt nicht in die Pflicht genommen wird. Wir hoffen, dass es ausreichend sein wird, wenn wir dieses Verfahren aus dem Baugesetzbuch lediglich androhen müssen, um die Ganoven zum Einlenken zu bringen.

Wie man merkt, wird der Wind etwas rauer in der Stadt. Die Stadtverwaltung nutzt jetzt auch die Instrumente des Baugesetzbuches aus, die mehr Restriktion bedeuten, wenn es um das bezahlbare Wohnen geht. Es gibt zudem Bewohnergruppen, die es als ungerecht empfinden, wenn einerseits der Staat jährlich viele Steuermillionen Euro in das mietpreis- und belegungsgebundene Wohnen investiert und anderseits Wohnraum spekulativ leer steht.

 

Ahoi: Das integrierte Stadtentwicklungskonzept INSEK2030 plant ja – wie der Titel schon sagt – bis 2030; nun hat Corona die Würfel neu geworfen. Wieviel Nachjustierung ist nötig? Und wo ganz konkret?

Die derzeitige Corona-Krise hat Folgen für das Leben jedes Einzelnen und das gemeinsame städtische Leben aller, positive wie negative. Die Auswirkungen sind Vielerorts schon spürbar aber noch nicht wahrhaftig. Die post-Corona-Stadt wird uns vor Augen führen, dass eine innovative Stadt- und Quartiersentwicklung nötig ist. Die derzeit in Leipzig diskutierte Idee, dass es ein flächendeckendes Gebietsmanagement nach dem Vorbild der Quartiersmanagements, die durch das AWS gesteuert und durch Städtebaufördermittel finanziert werden, geben kann, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist zu früh, die genauen Auswirkungen in den Leipziger Quartieren zu quantifizieren. Sicher ist jedoch, dass ein funktionierendes Gemeinwesen, staatliche und persönliche Verantwortung dazu beitragen, dass die sicherlich in Kürze zu Tage tretenden Problemlagen aus der Covid 19-Krise abgemildert werden können.

Was uns als Stadterneuerer hilft, dynamisch auf derartige Krisen wie die derzeitige reagieren zu können, sind u.a. zum einen die etablierten Analysen und Monitorings aus der Vielzahl von kommunalen Bevölkerungs- und Raumbeobachtungen oder auch die Fortschreibung bspw. des Wohnungsmarktberichtes, des Grundstücksmarktberichtes oder auch die Fortschreibung der Stadtentwicklungspläne. Zum anderen gibt es eine regelmäßige Bürgerumfrage. Diese dient der Versorgung des Stadtrates und der Stadtverwaltung sowie aller anderen Interessierten mit aktuellen Informationen über die Lebenssituation der Leipziger Bürgerschaft sowie ihre Meinungen und Vorstellungen zu verschiedenen aktuellen planungsrelevanten Themen. Letztes Jahr gab es sogar einen Sonderbericht zur Corona-Pandemie.

Als AWS nutzen wir in den Schwerpunktgebieten der Stadterneuerung, wie Grünau, Schönefeld, Mockau, Leipziger Osten, Leipziger Westen oder Paunsdorf sog. Stadtteilentwicklungskonzepte, die noch einmal in einer feineren Körnigkeit als das INSEK die Stärken und Schwächen zu Tage bringen, um daraus städtebauliche Erneuerungen räumlich anzusetzen. Diese schreiben wir in regelmäßigen Abständen durch vorangegangene Evaluierungen fort. Sicherlich in den letzten Jahren häufiger, weil die großen Trends der Stadtentwicklung, wie demografische Veränderungen durch Zuzug, Zuwanderung von Geflüchteten und Klimaschutz und Klimaanpassung hohe Anforderungen und Umsteuern erfordern.

Wo wir bereits heute wissen, dass wir in den Quartieren neue und zusätzliche Schwerpunkte haben werden, ist in der Unterstützung von lokalen Unternehmen in den Gebieten, wo wir vom Stadtrat zur Erneuerung ein Mandat haben. Lokale Ökonomie, wie wir so schön sagen, ist nämlich stets ein Auftrag und ein Instrument der Stadterneuerung, weil durch die lokale Wertschöpfung der Modernisierungsansatz verfolgt wird. Im Leipziger Westen fördern wir bspw. als Kommune erfolgreich die Unternehmensberatung, Coaching, Moderation, Mediation und Projektkoordination, mit dem Ziel der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation.

Zudem sind es eben die örtlichen Haushalte, die in der Nachbarschaft wirtschaften. In der Eisenbahnstraße, aber auch punktuell in Grünau ist zu beobachten, dass sich gerade eine migrantische lokale Ökonomie erstmalig in der jüngeren Geschichte etabliert, die auch gerade im Bereich der Nahversorgung sehr robust scheint. Es ist davon auszugehen, dass durch die Lockdowns erhebliche Unterstützungsleistung zu erbringen sein wird. In der Georg-Schumann-Straße stehen wir dazu in engem Kontakt mit den Händlern, weil die Revitalisierung der Geschäftslage eine Schwerpunktaufgabe im dortigen Magistralen-Management ist. Wir befürchten, dass wir trotz der großen Erfolge in den letzten 10 Jahren, nunmehr mit Rückschlägen im Einzelhandelsbesatz rechnen müssen. Der Geschäftsstraßenrevitalisierungsprozess muss in Zukunft im Schulterschluss zwischen Geschäftsinhabern und Hauseigentümern sehr gut organisiert werden, da ansonsten zu befürchten ist, dass leerstehende Ladenlokale in Wohnraum umgewandelt werden oder Verwahrlosung eintritt.

 

Ahoi: Unter dem Slogan „Stadt für alle“ agiert ein bestimmtes Milieu und beansprucht für sich für „Alle“ zu sprechen. Nun scheint mir jedoch, dass da viele Menschen ausgeschlossen sind: Alteinwohner, Senioren, Menschen, die einfach in Ruhe und sicher leben wollen etc. Haben Sie diese „leisen“ Leipzigerinnen und Leipziger im Blick? Uns ist ja bewusst, dass die „Lauten“ stark Einfluss nehmen können.

Vielleicht passt zu dem was Sie nach meiner Wahrnehmung unter dem Milieu „Stadt für alle“ verstehen eher der Begriff der „Rebellen“. Das klingt dann eher nach kämpferischem Tun und Machen im Kollektiv und weniger nach Theoretisieren und Rufen. Und so nehmen wir diese Akteure auch wahr und binden sie in unsere Arbeit z.T. mit ein. Sie sind eben auch eine Blaupause der Stadtgesellschaft. Diese sich nicht genau abzugrenzende Gruppe legt häufig den Finger in die Wunde einer Wohlstandsgesellschaft, der häufig nicht bewusst ist, dass es Bedarfsgruppen gibt, die sich abgehängt fühlen bzw. sind, weil es an bestimmten Wohnformen für Behinderte, Migranten oder Arme eher mangelt oder sensibilisieren dafür, dass eine Verdrängung einer angestammten Wohnbevölkerung stattfindet, von der Mitte der Stadt an die Peripherie. Sie verstehen ihre Arbeit als solidarische Anwaltschaft für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen, die sich bekanntlich nie lautstark gegenüber der Politik äußern, weil es nicht ihrem Wesen entspricht.

Gerade der Ende März in Leipzig an vier Standorten und deutschlandweit durchgeführte Housing-action-Day hat gezeigt, dass es den sicherlich meist jungen Menschen, denen das bezahlbare Wohnen als Daseinsvorsorgeaufgabe des Staates wichtig ist, nicht um ihre eigene Wohnsituation geht, sondern, und das ist ein altruistischer Wesenszug dieser Akteure, dass sie sich äußerst solidarisch mit den „leisen“ Leipzigern zeigen. Viele Bedürfnisse und Bedarfe für bspw. Arme, Ältere oder Arbeitslose werden in den Blick genommen. Dahin muss ich an dieser Stelle Ihrer These widersprechen, dass die o.g. Menschen ausgeschlossen sind.

Es ist für uns stets das angestrebte Ziel, dass wir alle Menschen in die Stadterneuerungsarbeit einbeziehen wollen. Wir wissen aus Erfahrung, dass man immer mehr tun kann und wir wissen auch, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen nicht einbezogen werden wollen. Das akzeptieren wir. Jedoch fragen wir uns auch, warum das so ist. Den größten Erfolg, um viele Menschen abzuholen, haben wir, wenn es sich um direkte Bauvorhaben handelt, die einen starken emotionalen Wert für die Menschen im Quartier haben. Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit informieren wir dazu und erreichen auch, dass eine Beteiligung gewünscht wird.

Der jährlich stattfindende „Mockauer Sommer“ ist da so eine Bühne, die wir für unsere Bürgerbeteiligung sehr erfolgreich nutzen. Wir nennen das dann aktivierende Bürgerbeteiligung. Jedes Projekt braucht da immer wieder einen neuen Fahr- und Ablaufplan, weil kein Projekt dem anderen gleicht. Das ist ein sehr hoher Aufwand, der aber auch zu einem Zugehörigkeitsgefühl der Bewohner mit ihrer Umgebung und zum Verständnis für das Neue führt. Hier fühlen wir uns so manches Mal als Transmissionsriemen der Basisdemokratie. Das Beispiel zur Bürgerbeteiligung zur Überarbeitung des Bebauungsplanes auf dem ehem. Rittergut Kleinzschocher war im letzten Jahr so ein schönes Beispiel, wo die Bürgerschaft sehr intensiv mitgenommen werden konnte und, anders als sonst üblich, sogar Teil der Jury für den durchgeführte städtebaulichen Wettbewerb wurde. An diesem sog. Dialogverfahren waren die „Rebellen“ durch den Verein „Haus- und Wagenrat“ auch vertreten.

Ahoi: Welchen Traum haben Sie von Leipzig im Jahre 2050?

Stadtplaner träumen ja nicht. Sie müssen jedoch Visionen haben können, weil es dem Wesen der Disziplin entspricht, ein Bild von der Zukunft im eigentlichen wie im übertragenden Sinn zu zeichnen. Es gab in der Tat aber auch immer wieder visionäre Autoren mit Bezug zur Stadt von übermorgen. Aldous Huxley ist jemand, der mich bis heute nicht loslässt, weil er mit seinem wohl bekanntesten Buch „Schöne neue Welt“ (1932) die Dystopien einer Gesellschaft in der Zukunft (2540) beschreibt. Gerade weil die dort beschriebene fiktionale Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge zurück geht. Das nimmt den Menschen das kritische Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung. Und das erscheint mir manchmal im Heute bereits so real.

Da gibt es aber auch visionäre Leute aus meiner Profession, die ich hier gern nenne. Wie den Kopenhagener Stadtplaner Jan Gehl, der in seiner Arbeit auf die Verbesserung der städtebaulichen Infrastruktur und die Optimierung der Lebensqualität der Menschen wert legt. Der lebt die Vision so manches Urbanisten bereits. Sicherlich auch, weil die dänische Gesellschaft dazu bereit ist. Insbesondere Fußgänger, Radfahrer, Senioren und Familien stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit – also die menschliche Perspektive. Da sind wir in Leipzig noch weit davon entfernt. Womöglich braucht es am Anfang eine utilitaristische Bewegung, die aus der Überflussgesellschaft heraus die Erkenntnis hat, vor dem Hintergrund des Klimawandels Ressourcenschutz zu betreiben. Fakt ist: Eine Transformation der Stadt ist notwendig, denn es ist klar erkennbar, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens nur erreichbar sind, wenn eine ressourcenschonende Stadtplanung etabliert wird.

Es schein mir manchmal bereits auch visionär, das anzusprechen, was wiederum anderenorts bereits als normale gelebte Praxis im Ressourcenschutz Anwendung findet. Radfahren in den Niederlanden oder RFID-Chips in den Mülltonnen in Los Angeles zum Beispiel. In vielen Aspekten haben wir nach meiner Meinung noch keinen Fahrplan entwickelt, wohin wir zusteuern wollen. Modellprojekte können dabei helfen, dies herauszufinden.

Oder auch der Münchner Ansatz (Munich Urban Colab) einer Ideenschmiede für die Stadt von morgen, die Unternehmen, Kreative und Wissenschaft vernetzt. Und das im Dialog mit der Stadtverwaltung und der Öffentlichkeit, um auch experimentell zukünftig gemeinsam an innovativen Lösungen für die Weiterentwicklung der Stadt zu entwickeln. Das kann ich mir auch für Leipzig sehr gut vorstellen.

Insbesondere das Thema Klimaschutz und Klimaanpassung nimmt aus Sicht der behutsamen Stadterneuerung in der Leipziger Stadtentwicklung nicht den Stellenwert ein, den es eigentlich benötigt, die Treibhausgase so zeitnah zu minimieren, dass der drohende Kollaps 2100 abgewendet werden kann. In vielen Projekten haben wir zwar Stellschrauben, darauf einzuwirken, aber eigentlich benötigt die Stadt eine größere Dynamik auch in der behutsamen energetischen Sanierung der Bestände. Mit dem ausgerufenen Klimanotstand stehen die Ampeln zumindest schon mal auf grün. In drei Gebieten werden wir per Stadtratsbeschluss dahingehend in Kürze energetische Sanierungsmaßnahmen durchführen.

Wirklich visionär im Sinne eines Paradigmenwechsels wäre dahingehend die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft im Bauen auf Korngröße der Quartiere in Leipzig. Es geht dabei darum, dass eingesetzte Ressourcen nach ihrer Nutzung als Ausgangsstoffe für neue, schadstofffreie Produkte dienen können. Also ein Prinzip Cradle-to-Cradle. Es geht dabei um die Produktverantwortung der Hersteller.

Leipzig hat ja so einige Baubetriebe, die hier Recyclingssysteme in Sinne des Ressourcenschutz entwickeln können und der beginnt ja schon bei der Errichtung ökologische Gebäude. Die Stadt kann sich selbst einen ökologischen Standard für öffentliche Gebäude geben. Und auch das ist ja nicht neu, weil wir im Denkmalschutz es gewohnt sind, Bauteile wiederzuverwenden – also Kreislaufwirtschaft zu betreiben. Die Möglichkeit für dieses sog. zirkuläre Bauen und Arbeiten mit Recyklaten müsste ein kommunaler Standard werden. Dazu gehört auch eine Bauteilbörse sowie Materialbanken. Architekten werden zu Bauteiljägern und es wird ihnen ermöglicht, eine Gewährleistung für das recycelte Bauteile zu geben. Hersteller neuer Produkte haben einen Produktpass, wo die Bestandteile deklariert sind.

Das Schöne daran ist, dass ja die wiederverwendeten Materialien eine Geschichte haben und das ist ein Narrativ für den Ort wo das Bauteil einmal ursprünglich verbaut war. Das können wir auch vor 2050 erreichen. Und das alles ließe sich sicherlich gut in einem urbanen Labor durchdenken.

 

Ahoi: An vielen Stellen – zum Beispiel beim Thema ehemalige Zündkerzenfabrik (derzeit noch Kulturort) im Leipziger Osten – haben Betroffene das Gefühl, dass in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Großinvestoren gehandelt wird, dass sich da Paradigmen geändert haben und Bürgerbeteiligung nur noch Staffage ist. Was sagen Sie diesen Zweifelnden?

Die Zündkerzenfabrik, deren Hilferuf auch uns ereilt hat, scheint beispielhaft für Vorgänge in einer wachsenden Stadt zu sein. Ich sage gern Wachstumsschmerz dazu, der auch ein Amputationsschmerz sein kann, weil langjährig Ansässige in einem Quartier etwas Liebgewonnenes verlieren und die notwendige Reorganisation des eigenen Umfeldes als schmerzhaft und traumatisch empfunden werden kann. Es ist zu befürchten, dass dies ein sich selbst verstärkender Prozess sein wird, wenn Immobilieneigentümer ihr Grundstück bebauen oder aufwerten und dadurch neue Mietpreise verhandeln. Und daran ist ja auch nichts Verkehrtes, weil die behutsame Stadterneuerung Investitionen der privaten Hand erfordert, da sich städtebauliche Missstände ansonsten nicht beseitigen lassen.

Das Ziel sollte in Leipzig darin bestehen, dass Kreative in die Lage versetzt werden, sich durch mehr Einkommen auch steigende Mieten zu leisten. Sicherlich einfacher gesagt als getan. Es gibt auch immer wieder schillernde Beispiele, wo es Leipziger Künstlern gelungen ist, sogar im Weltmaßstab Bekanntheit zu erlangen. Ich denke da an den Maler Neo Rauch oder auch an den Fotografen Andreas Gursky. Die Grenzen einer notwendigen Harmonie zwischen Einkommen des lokalen Milieus und den Vorstellungen von Immobilieneigentümern sind immer dann erkennbar, wenn orts- und branchenübliches Einkommen mit fehlender Ortskenntnis von Eigentümern nicht miteinander korrelieren und zu Verdrängungen führen können. Zumindest kann das in stark nachgefragten Gebieten der Fall sein.

Leipzig ist ja mehr. Fachleute sagen auch sozioökonomischen Strukturwandel dazu. Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann hatte das Phänomen der Verdrängung durch Gentrifizierungsprozesse, die durch Aufwertungsmaßnahmen in Gang gesetzt werden, bereits auf den Punkt gebracht: Es geht kurz und knapp gesagt darum, dass durch eine Attraktivitätssteigerung – also Gebäudesanierung oder Neubau – aber auch durch Erneuerung der technischen und sozialen Infrastruktur der Stadt, neue zahlungskräftigere Mieter zuziehen und die häufig steigenden Mieten diejenigen mit geringerem Einkommen verdrängen. Uns allen war das lange bekannt. Nur Leipzigs dynamisches Wachstum und die Attraktivität, sein Geld hier in Immobilien anzulegen, sind derart dynamisch, so dass uns die Auswirkungen fast täglich mit einer großen Wucht übermannen. Fast wie eine Ohnmacht.

Ich habe mit unseren beauftragten Managements, die ja z.T. noch viel näher als wir vor Ort präsent sind, bereits vor kurzem über das Verdrängungsproblem gesprochen. Dahingehend gibt es ein sehr großes Problembewusstsein und auch Ängste, dass sich die Vielfalt zum Nachteil verändert, weil günstige Mieten und kreative Rückzugsräume in Zukunft fehlen. Und das zu fördern war auch immer ein strategischer Ansatz in der Stadterneuerung. Nicht immer gibt es jedoch einen Arbeitsauftrag für die Verwaltung aus dem Stadtrat, der Personal und Mittel bereitstellt, sich den Verdrängungsthemen so zu stellen, dass Hilferufe auch so begleitet werden können, wie es sich die Betroffenen gern wünschen.

Es gibt für Hilfesuchende auch eine lange Zeit erprobte Zusammenarbeit u.a. mit der Wirtschaftsförderung und dem Kulturamt, wo ein jeder nach seine Möglichkeiten Schaden von der Stadt abzuhalten vermag. Nicht immer ist dabei klar definiert, wo die Stadt oder der Markt darüber entscheiden soll, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Darüber hinaus ist in Leipzig, wie auch in anderen urbanen Zentren, zu erleben, dass gerade Kreative nicht immer sesshaft sind und auch nicht sein wollen, weil sie eben den besonderen Ort suchen, der das Milieu ausstrahlt, das sie zum Leben benötigen. Leipzig hat dahingehend noch viele Potentialorte, die aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden wollen. Ein solcher Ort ist ja gerade das Gleisdreieck, ein ehemaliges Eisenbahnkraftwerk in Leipzig-Connewitz, das sich zu einem Kreativort entwickeln will. Aus Sicht des AWS sehen wir bspw. gerade Anger-Crottendorf, Schönefeld und Mockau als uncodierte Orte, die zum Teil noch durch „Pioniere“ erobert sein wollen.

Im konkreten Fall der Zündkerzenwerkstatt haben wir die Protagonisten mit dem Verein „Ostwache e.V.“ zusammengebracht, der in Zukunft ein soziokulturelles Zentrum in der ehem. Feuerwache in der Gregor-Fuchs-Straße als neuen Ort der Kreativität entwickeln möchte und hoffen, dass sich dadurch neue Allianzen bilden. Der Platz ist da.

 

Ahoi: Beim großen Run auf Leipzig, Bevölkerungswachstum und Fokussierung auf die internationale Jugendlichkeit, wird es Menschen unsicher. Wie wird die soziale Komponente denn bei der Entwicklung der Stadt mitgedacht? Ich meine da die erhöhte Obdachlosigkeit, die Drogenproblematik, Bildungsprobleme wie die Schulabbrecherquote, abgehängte Milieus etc...

Als AWS sind wir mit unseren Beauftragten sicherlich ganz nah an den Bürgern. Auf alle Fragen der gesellschaftlichen Entwicklungen und zum Zusammenleben haben wir jedoch auch nicht immer die passenden bzw. die qualitativ besten Antworten parat. Zudem habe ich auch Amtsleiterkollegen, deren Fachexpertenwissen ich sehr schätze und gern dorthin verweise. Gleichermaßen möchte ich in diesem Kontext auf die in Kürze erscheinende aktuelle Ausgabe der seit den 1970er Jahren laufenden Intervallstudie von Frau Prof. Kabisch vom UFZ für Grünau verweisen. Diese liefert uns wichtige Information zum Zusammenleben und zur Lebensqualität für den Stadtteil.

 

Ahoi: Danke, Herr Dr. Amey, für Ihre Antworten. Hoffen wir, dass die Stadt durch die Entwicklung ihr menschliches Antlitz behält.

Mehr über Stadterneuerung in Leipzig lest ihr auf der Seite der Stadt.

LINK

« zurück
zur aktuellen Ausgabe